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Alle Fotos von Elif Kücük

Das passierte, als ich mit Glenn Astro und Ajnascent in einen Jazz-Club wollte

Philipp Kutter

Die beiden House-Produzenten haben ein neues Album draußen und ich hatte den passenden Ort für ein Interview mit den beiden. Dachte ich.

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In meiner Vorstellung habe ich uns an einem schicken Tisch gesehen. Rauchschwaden lagen in der Luft, die Gespräche flogen laut durcheinander. Im Hintergrund erklangen eine Trompete und ein gedämpftes Schlagzeug. Links von uns Promis, rechts ein paar Studenten, vor uns edler Stoff in edlen Gläsern. Niemals hätte ich gedacht, dass wir in Wahrheit auf einer Parkbank landen würden.

Dreieinhalb Stunden vorher. Ich warte auf die beiden Produzenten Glenn Astro und Ajnascent, um über ihr neues Album zu reden. Even erschien vor Kurzem auf Money $ex Records, mit all meiner geballten musikjournalistischen Kompetenz hab ich es im Vorgespräch als "jazzig" bezeichnet. Glenn Astro stimmte diesem ausgefeilten Urteil zu. Und weil Ajnascent das auch so sah, wollten wir zum Spaß in einem Jazz-Club über die neue Platte zu reden. Vorher gehen wir aber noch was essen.

Glenn Astro und Ajnascent heißen übrigens beide eigentlich Konstantin, ersterer hört auf den Spitznamen Kons, der andere auf Konsti. Beide kennen sich noch aus der Schule, haben aber erst seit Kurzem mehr miteinander zu tun. Der Klarheit halber bleiben wir im weiteren Verlauf bei den Künstlernamen.


Auch THUMP: Floating Points bei den THUMP Sessions:


Nach dem Mahl gehen wir in Richtung des Jazz-Clubs, den wir uns ausgesucht haben. Das Programm klang passend: Jamsession für Umme? No-Brainer! Doch auf dem Fußweg fängt das Schlamassel schon an: Wir verlaufen uns. Langsam dunkel wird es auch noch. Lieber schon mal ein paar Fotos machen, zur Sicherheit. "Hey, guck mal da drüben, die Tiefgarage, da könntet ihr doch posieren", sage ich zu den beiden. Voll Underground so eine Tiefgarage, passend zum Underground-Resistance-Shirt von Glenn Astro.

Foto ist im Kasten beziehungsweise der Speicherkarte. Nun schnell zum Jazz-Club, wir sind leider eine halbe Stunde zu spät. Aber was soll's? Jazz in Berlin an einem Mittwoch? Interessiert doch sowieso keinen. Der Eintritt ist außerdem frei, so krass kann das dann ja nicht sein, was da präsentiert wird.

Falsch gedacht.

Als wir zur Bar runtergehen, bleiben wir noch auf der Treppe stehen: Es ist sauvoll, keine Sitzplätze mehr weit und breit. Die Band spielt schon, allerdings viel langsamer und getragener, als wir das uns vorgestellt hatten. Das Publikum ist fokussiert und still. Ist das eine Theateraufführung? Der Flyer sagt: Nein.

Statt von einem verrauchten und umrauschten Tisch können wir die Band also nur durch die Eisenstäbe der Treppe betrachten.

Das hatten wir uns anders vorgestellt

"Was nun?" "Pssssssssssst!!!"

Wir brauchen einen Plan B. Den müssen wir allerdings draußen spinnen, bevor die House(-affinen)-Produzenten und ich noch Hausverbot bekommen.

"Ich hab auch Zigaretten-Qualm erwartet und dezenteres Licht. Aber das ist dann vielleicht auch ein Klischee, das ich im Kopf habe", sagt Glenn Astro und ich denke: Joa, da hat er Recht. "Jazz hat mehr Facetten", Ajnascent gibt zu Bedenken. "Es gibt traditionellen Jazz mit Big Band, dann tanzbaren Jazz und wiederum Avantgarde oder schwedischen Jazz mit elektronischen Einflüssen." Bringt uns im Nachhinein auch nichts. Warum hat er das nicht gleich gesagt? Aber dann bringt Ajnascent wenigstens den rettenden Vergleich: "Es ist so, als würde man in einen Techno-Club gehen und es wird kein klassischer Techno gespielt. Man kann eigentlich nur enttäuscht werden."

Also ab zum Späti und irgendwo hinzusetzen. Am Ende setzen wir uns mit Bier, Cola und Mate auf eine Parkbank und reden endlich über das neue Album der beiden. Mittlerweile ist es schon halb elf.

Vor der Jazz-Bar

THUMP: Euer Album hört sich an, als sei es aus einer Jamsession entstanden. Stimmt das?
Glenn Astro: Die erste Nummer auf dem Album ist wirklich auf diese Art entstanden. Wir sind ins Studio gegangen, hatten das Sample und haben einfach angefangen.
Ajnascent: Das war für mich ganz geil. Glenn hat einfach ein Sample spielen lassen und dann hab ich mich an die Drums gesetzt und einen Take gemacht. Der Vorteil war, dass wir einfach nicht so viel nachdenken mussten. Ich bin jemand, der tendenziell zu viel an den Sachen arbeitet, deshalb war es gut, jemanden zu haben, der auch mal sagt: "Es ist OK wie es ist, lass uns jetzt das nächste Ding machen."

Also gab es vorher keine Skizze?
Glenn Astro: Es ist beides. Die eben angesprochene Nummer ist die einzige mit einem Sample, oder?
Ajnascent: Bei einem Track hatte ich eine Beatidee und dann hast du ein Sample gesucht. Ich bin generell kein Fan von Jamsessions, bei denen die Musiker nur damit prahlen, wie toll sie ihr Instrument beherrschen.
Glenn Astro: Wenn du das Publikum von eben vor ein Free-Jazz-Konzert setzen würdest, würden sie wahrscheinlich auch nicht mehr darauf klarkommen.
Ajnascent: Ich glaube, viele wollen sich einfach nur selbst präsentieren, wenn sie weggehen. Was dann auf der Bühne passiert, ist dann nicht wichtig.

Seid ihr von dem normalen Produktionsprozess weggegangen, weil er euch eingeengt hat?
Glenn Astro: Ja, voll. Das war nach dem ersten Track auch das Ding. Da hab ich gemerkt, dass dieser andere Ansatz total Bock macht und ich davon gerne mehr machen würde.
Ajnascent: Vor dieser Platte hab ich auch nur am Computer produziert, weil ich weg von den akustischen Instrumenten wollte. Aber nach der ersten Session mit Glenn hab ich gemerkt, dass es wieder Bock macht, akustische Instrumente zu benutzen.
Glenn Astro: Es hat aber auch gut gepasst. Wenn ich eine Idee hatte, hat er genau gewusst, was dazu passt und was ich will.
Ajnascent: Wir haben uns gut … Warte, mir fällt das Wort nicht ein …
Glenn Astro: Ergänzt?
Ajnascent: Ja!

Was hat euch an der herkömmlichen Art und Weise der Produktion noch gestört?
Glenn Astro: Direkt gestört hat mich daran nichts, ich hab das ja auch oft gemacht. Ich wusste in letzter Zeit einfach nicht, worauf ich musikalisch hinaus wollte. Von den House-Sachen war ich gelangweilt, hatte aber auch keine Lust auf HipHop. Normalo-Jazz wollte ich auch nicht machen. Ich war in einer Findungsphase und da ist es dann gut, wenn jemand von außen Input gibt.
Ajnascent: Alleine neigt man dazu, die einzelnen Parts zu sehr zu überdenken, bis man ihnen das Leben aussaugt.
Glenn Astro: Wobei ich sagen muss, dass ich noch nie so krass perfektionistisch an irgendwas gearbeitet habe.
Ajnascent: Echt? Für mich war es genau das Gegenteil. Ich komm aber musikalisch auch aus dem Jazz, aus dem Rock und Classic. Mit elektronischer Musik hab ich mich erst später auseinandergesetzt. Mit Aphex Twin.

Könnte man denn sagen, dass ihr bei der Produktion eine Jazz- oder Band-Attitüde hattet?
Glenn Astro: Ich finde am Ende hat es schon einen leichten Bandcharakter. Es ist keine strikter Aufbau wie in elektronischen Tracks, wo erst mal 32 Bars gleich oder ähnlich sind fürs Mixen und dann kommt ein Break und dann der Drop. Bei uns sind es teilweise völlig sinnlose Arrangements.

Es gibt immer wieder mal Diskussionen, dass House und Techno solide sind aber nicht mehr wirklich begeistern. Ist das so oder ist es auch einfach die Form der Musik, die das bedingt? Glenn Astro: Ich glaube, viele haben Angst, etwas zu versuchen, weil dann eventuell keine Bookings mehr rein kommen. In dieser Mikroblase von Szene spielt das sicherlich eine Rolle. Generell war alles sehr gleich, was in letzter Zeit rauskam.

Sowas wie Broken Beat kommt aber zum Beispiel wenig vor bei den zeitgenössischen Produktionen, dabei ist das nicht besonders verrückt.
Glenn Astro: Ja, das stimmt. Wobei das auch ein deutsches Phänomen ist, dass die Leute hier nicht auf Rhythmen klar kommen, die außerhalb von diesem graden 4/4-Takt sind. In Großbritannien ist das anders, auch was das Auflegen angeht.

Das Album von Glenn Astro und Ajnascent ist auf Money $ex Records erschienen und kann hier bestellt werden. Glenn Astro spielt am kommenden Sonntag, den 25. Juni beim No Lotion Open Air von Ninja Tune. Mit dabei sind außerdem Max Graef, Illum Sphere und Kutmah.

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