This article appeared originally on THUMP UK.

Wie die Tuff City Kids zu ihrem magischen Touch gekommen sind

Wir haben uns mit Gerd Janson und Philip Lauer über ihre fantastisches Debütalbum 'Adolesscent' unterhalten.

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Okt. 25 2016, 4:17pm

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"Phillip, ich kann sehen, wie du in deiner Nase bohrst!", beobachtet der leicht genervte internationale DJ-Superstar und Running Back-Boss Gerd Janson Gerd Janson nach gerade mal einer Minute in unser Skype-Konferenz. Zugeschaltet sind besagter Janson, der umtriebige Produzent Phillip Lauer und ich. Zusammen sind die beiden Wahlfrankfurter die Tuff City Kids—ein Produzentenduo und wahres Remix-Hit-Kommando, deren Output Masters at Work Masters at Work fast faul aussehen lässt. Seit 2008 haben sie über 75 tanzflächenfüllende Interpretationen für Künstler so verschieden wie Scuba, Groove Armada, Sparky und Fort Romeau abgeliefert.

ihre gelegentliche Dosis eigenständiger Produktionen wird durch Labels wie Delsin, Live at Robert Johnson und Permanent Vacation unter die Menschen gebracht. Letztere Institution hat gerade auch ihr Debütalbum Adoldesscent veröffentlicht—eine pulsierende Ode an Lauers und Jansons zeitlose Clubästhetik. Mit Glockenklang beginnt eine Reise durch ihre gemeinsamen Vorlieben für House, Techno und Pop. Vocal-Kollaborationen mit Alternative-Helden wie Annie und Joe Goddard geben sich mit Clubhits die Klinke in die Hand, die eindeutig für die Tanzfläche und DJ-Sets geschaffen sind.

Adoldesscent ist vielleicht nicht besonders innovativ aber durch und durch ehrlich und authentisch. Es gehört zu dieser Art von Album, das du dir problemlos zu Hause anhören kannst, auch wenn es dich am Ende vielleicht aus der Tür und in den nächsten Club treibt. Darauf finden sich abgehackte Breakbeats, melodramatische Spoken-Word-Interludes und Hi-NRG Streicher-Samples. Das auf Jansons und Lauers DJ-Arbeit zurückblickende Werk ist gleichermaßen geschmackvoll und verspielt.

Die Anfänge des Duos reichen zurück bis 2008 und auch wenn Janson damals noch nicht der vielreisende B2B-Magnet war, als den man ihn heute kennt, hatte ihm seine damalige Residency in Offenbachs Robert Johnson und der damit einhergehende gute Ruf als talentierter DJ bereits Remix-Anfragen eingebracht.

"Phillip hatte mich in sein Studio eingeladen, lautet die richtige Version", sagt Janson. Lauer protestiert lauthals gegen die Unterstellung einer solchen Nettigkeit. "Phillip, du hast ein Gedächtnis wie ein Nudelsieb. Und ich hatte damals diese Remix-Anfrage. Ich glaube, denen war alles egal, solange ein Remix dabei rumkommt ... Phillip, jetzt fummelst du in deinem Ohr rum!"

Zumindest in der Unterhaltung scheint die zutrauliche Dynamik zwischen den Tuff City Kids auf Lauers lakonischem Humor und Jansons gutmütigen aber staubtrockenen Beobachtungen zu basieren. Im Studio scheint ihre Arbeit auf einem potentiell eher unsicheren Frieden zu fußen—eben jener Art von Arrangement, das die meisten DJs am liebsten geheimhalten. Während Lauer—ein versierter Studiotechniker—eine Art musikalisches und technisches Wunderkind ist, beschreibt sich Janson selbst als "nur ein DJ." In dem Pressetext zum neuen Album steht sogar, dass sein Beitrag zur LP vor allem darin bestand, "auf sein Handy zu glotzen und Kaffee zu kochen."

Natürlich wird jeder, der Jansons aktuellen, hervorragenden Solo-Remixes für Midland und Digitalism gehört hat, wissen, dass er wahrscheinlich etwas untertreibt. Aber gut, das hier ist schließlich der gleiche Janson, der seinen Fabric-Mix mit der Bemerkung vorgestellt hat, sein Selbstbewusstsein als DJ befinde sich momentan "am Boden." Jeder, der schon einmal in den Genuss gekommen ist, einen Sonntagabend zu Jansons Set in der Panorama Bar zu tanzen (oder wo sonst auch), dürfte einen anderen Eindruck gewonnen haben. Aber in einem Geschäft, in dem es vor Bierernstigkeit und pseudophilosophischem Geplapper nur so wimmelt, erlaubt der zwar leidenschaftliche aber sich nicht allzu ernst nehmende Ansatz von TCK ihrer Musik, für sich selbst zu sprechen.

"Ich fühle mich geehrt, dass Phillip mir Credits für das Arrangement zuspricht", erklärt ein demütiger Janson. "Und er ist ein so talentierter Musiker. Wir haben also das Beste aus beiden Welten. Aber ernsthaft, wir einigen uns fast immer auf das, was wir damit anstellen werden."

"Wir teilen uns die Arbeit", pflichtet ihm Lauer bei. "Wir machen zusammen einen Loop und Gerd kümmert sich um das Arrangement. Er ist nämlich ein DJ—der DJ der DJs!"

Obwohl ihre musikalischen Visionen auf geradezu magische Weise zusammengefunden haben, ist schon länger bekannt, dass der einzige Act, auf den sich die beiden einigen können, die 80er Jahre New Wave Band Heaven 17 ist. Janson als alter Optimist erinnert sich plötzlich an einen weiteren, gemeinsamen Referenzpunkt, nur um damit eine Serie von Sticheleien loszulassen.

Gerd Janson: Phillip, ich habe gerade eine Dokumentation über die Pixies gesehen. Magst du die Pixies?

Phillip Lauer: Ich habe die Pixies nie gemocht. Ich mochte ihre Hits und hatte ein Album von ihnen. Für mich sind die aber nie eine coole Band gewesen.

Gerd: Siehst du, so schlimm ist das manchmal.

Phillip: Dinosaur Jr. finde ich zum Beispiel viel besser als die Pixies.

Gerd: Dinosaur Jr. hätte es ohne die Pixies nie so gegeben!

Phillip: Dinosaur Jr. gibt es schon viel länger als die Pixies!

Gerd: Phillip fängt auch langsam an, Depeche Mode zu mögen. Als wir zusammen aufgelegt haben, habe ich gemerkt, dass es auf seinem USB-Stick einen Ordner gibt, der 'Pop and Dance Hits' oder so heißt? Darin ist die ganze Musik, über die er sich immer lustig macht, wenn ich sie spiele.

Ich frage sie, wie oft sie denn gemeinsam Musik hören. "Wir hören manchmal zusammen Musik, wenn wir essen. Wir spielen uns dann gegenseitig Clips vor", sagt Phillip. Gerd pflichtet ihm bei. "Manchmal spielst du mir bei dir Platten vor, die du dir gekauft hast", sagt er. "Und dann mache ich mich über dich lustig und kaufe mir die Platten selbst. Ich bin halt ein Komplettist! Wenn wir zusammen einen Remix machen, gehe ich manchmal auf YouTube und finde dort etwas, das mich an die Richtung erinnert, in die unser Mix meiner Meinung nach gehen sollte. Manchmal sind wir auch dazu gezwungen, gemeinsam aufzutreten."

"Dafür bringe ich dann Ohrstöpsel mit", sagt Phillip.

Das Artwork für Adoldesscent ist eine Nahaufnahme der mit kryptischen Graffiti bemalten aber sonst recht kahlen Wohntürme, die über Berlins berüchtigtes Kottbusser Tor blicken. Ein Anblick, der für die Tausenden Raver, die den Platz auf dem Heimweg vom Club passiert haben, voller Bedeutung sein dürfte. Die Aufnahme selbst stammt von dem Fotografen Holger Wüst und erweckt das zeitlose, utopische und—man muss es wohl sagen—sehr deutsche Feeling des Albums.

"Er ist ein postkommunistischer Künstler aus Frankfurt", erklärt Janson. "Wie reiche Menschen sagen würden: 'Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen!' Ehrlich gesagt, waren wir zu Beginn nicht ganz sicher bei der Typographie, aber, anstatt mit einem Postkommunisten eine Diskussion anzufangen, haben wir sie dann einfach genommen. Ich habe gestern erst die fertige Platte bekommen und ich muss sagen, dass ich sehr glücklich damit bin. Es ist so ein großes Gatefold-Ding und innendrin sind lauter Bilder aus einer kleinen Stadt."

Dieser Kontrast—das Versprechen auf den Ausbruch aus der malerischen aber langweiligen Umgebung des Landlebens, die Erinnerungen an kilometerlange Fahrten auf der Suche nach dem nächsten Rave—stammen alle von Janson. Für Lauer kam das elektronische Erwachen erst wesentlich später. "Ich habe lange Zeit gar keinen Techno gehört", gibt er zu. "Ich habe erst ziemlich spät davon erfahren. Ich mochte früher Punk und HipHop."

Hat Lauer—so wie Janson von seinem studioversierten Freund etwas mitgenommen hat—im Gegenzug also etwas von der stetig wachsenden Plattensammlung seines Freundes gelernt? Die Disco-Platten natürlich ausgenommen.

"Ich kann das leider nicht auf meine Kappe nehmen. Das müssen Daft Punk gewesen sein", vermutet Janson. "Diese Rocktypen fühlten sich irgendwie immer von Daft Punk angezogen. Alte Raver wie ich haben sich über diese Leute immer lustig gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal mit einen von denen anfreunden könnte."

"Hast du auch nicht", fällt ihm Lauer ins Wort und Jansons Grinsen wird noch einmal eine ganze Ecke breiter. Mit dem neuen Album unter der Haube stehen den Tuff City Kids keine ruhigen Zeiten bevor. Es gibt eine gelegentliche Live-Show, die ausgebaut werden möchte, zukünftige Beiträge zu diversen Compilations und noch mehr Anfragen von großen und kleinen Künstlern, die alle nach dem magischen TCK-Touch lechzen.

"Die Remixmaschine läuft morgen wieder an", sagt Janson aufgeregt. "Morgens, wenn Phillip in seine Küche geht, um sich einen Kaffee zu machen, werde ich schon auf der Matte stehen!"

Adoldesscent von Tuff City Kids ist jetzt bei Permanent Vacation erschienen.

John Thorp ist bei Twitter.

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