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Ist Shamstep bloß erfundenes Hipster-Genre oder ein Schlüsselmoment arabischer Jugendkultur?

47Soul begeistern mit ihrer Mischung aus arabischen Elementen und elektronischer Musik Menschen vom Libanon bis London.

Peter Holslin

Fredi Brinkworth

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP US erschienen.

In dem Musikvideo zu „Intro to Shamstep" tanzen die vier Jungs von 47Soul mit ihren Instrumenten und Trommeln zum Klang arabischer Synth-Hooks und eines treibenden Beats durch die Straßen Londons. Zwischendurch sieht man sie auf der Bühne eines mittelgroßen Clubs. Finger flitzen über Keyboards und Hände schlagen auf Daf- und Darbuka-Trommeln, während die bunt gemischte Menge ausrastet. Bald darauf sieht man sie auf einer Open-Air-Bühne stehen, als sie bei einer Feier zum Ende des Ramadan vor einer noch größeren Menge auf dem Trafalgar Square spielen.

Normalerweise würde man so ein Musikvideo, in dem vier Typen rumalbern und Musik machen, nicht gerade als tiefgründiges Statement verstehen. Aber wenn die meisten Bilder, die man mit dem Nahen Osten und seinen Bewohnern assoziiert, derartig von Krieg, Fanatismus und Leid geprägt sind, wie das heute der Fall ist, liefert uns diese Momentaufnahme arabischer Jugendkultur einen dringend nötigen Stimmungswechsel.

47Soul leben momentan in London. Ihren Sound bezeichnen sie selbst als „Shamstep"—einen durchaus politischen Mix aus traditioneller Musik wie Dabke und modernen, elektronischen Elementen. Während El Far3i und Walaa Sbeit auf Drumcomputern und Live-Percussion Beats raushauen, erschafft El Jehaz texturierte Gitarrenriffs zu den mikrotonalen Melodien, die Z the People auf dem Analogsynthesizer spielt.

Auch wenn die vier Bandmitglieder unterschiedliche Pässe haben—El Far3i und El Jehaz stammen beide aus Jordanien, Z the People wurde in Washington DC in eine palästinensische Familie geboren und Sbait kommt aus Israel—haben sie alle palästinensische Wurzeln. In einer Mischung aus Englisch und Arabisch singen sie auch über das Land ihrer Vorfahren. „Find the fruit on the trees / Send it off to wherever you please / Make sure that the money comes back home / Back to the peasants, to the fellaheen born", heißt es in „Intro to Shamstep".

Natürlich ist das, was 47Soul machen, nicht gerade neu. Eine ganze Reihe arabischer Künstler hat in den letzten Jahren Elemente westlicher Musik mit arabischen Modaltonleitern und traditionellen Rhythmen kombiniert—siehe auch Omar Souleyman. Andersherum bekommen heutzutage Bands, die einen Dabke-Tanz begleiten, die Party mithilfe von Drumcomputern und Keyboards in Gang, die dem Klang traditioneller Instrumente wie dem Midschwiz und dem Arghul entsprechen.

Shamstep ist aber mehr als nur ein Sammelbegriff für die hipsterfreundliche Verschmelzung von Ost und West. In der Heimat von 47Soul liefert ihre Musik nach und nach den Soundtrack für die arabische Jugend. Im kriegsgeplagten Damaskus zum Beispiel hört man Shamstep-Songs aus den Boxen der Bars und Clubs schallen, die sich unweit der Frontlinie befinden. Im ständig umkämpften Gaza-Streifen hat die 13-köpfige band Dawaween vor Kurzem „Intro to Shamstep" gecovert. In Jordanien wiederum hat die angesagte Streetwear-Marke Jobedu ein Video produziert, in dem der Song im Hintergrund läuft, während hippe, junge Menschen in 47Soul-T-Shirts zu „Intro to Shamstep" Dabke tanzen.

Allein der Name des Genres ist schon politisch. Das „Sham" in Shamstep bezieht sich nämlich auf eine Region, die man im arabischen Raum als Bilad asch-Scham bezeichnet. Damit ist ein Gebiet gemeint, das im Deutschen als die Levante oder Großsyrien bekannt ist und sich entlang der östlichen Mittelmeerküste erstreckt. Es umfasst das Gebiet Israels, Palästinas, des Libanon, Syriens und Teile Jordaniens, des Irak und der Türkei. Obwohl Bilad asch-Scham die Heimat vieler verschiedener Menschen unterschiedlichster Religionen, Ethnien, Sprachen und Nationalitäten ist, teilen sie einen gemeinsamen arabischen Dialekt und Lebensstil sagt David MacDonald, Professor für Musikethnologie und Anthropologie an der Indiana University.

47Soul treten in Palästina auf. Foto: Ameen Saeb

„Es gibt viele Aspekte, die den kulturellen Rahmen von Bilad asch-Scham ausmachen", sagt MacDonald, der für sein 2013 erschienenes Buch My Voice is My Weapon: Music, Nationalism, and the Politics of Palestinian Resistance umfassende Recherchen in der Region betrieben hat. „Wenn jemand arabisch spricht, kann ich sofort sagen, ob diese Person aus Bilad asch-Scham stammt. Wenn ich arabische Speisen esse, kann ich sofort sagen, ob sie aus Bilad asch-Scham stammen. Wenn ich arabische Musik höre, kann ich sofort sagen, ob sie aus Bilad asch-Scham stammt."

Indem sie den Namen in den Begriff Shamstep mit einbauen, wollen 47Soul metaphorisch die Grenzen einreißen, die einen Keil durch ihre Heimat getrieben haben. Gleichzeitig setzen sie sich für mehr Weitsicht und mehr Inklusion ein. „Wir sind keine Gruppierung, die sich für Unabhängigkeit einsetzt und irgendeine Flagge schwenkt oder so", sagt El Far3i. Ich unterhalte mich mit ihm und seinen Bandkollegen El Jehaz und Z the People über Skype. „Wir wollen einfach nicht getrennt sein."

„Es ist eine ziemlich coole Art, um zusammenzufassen, was die Band eigentlich der Welt mitteilen möchte", ergänzt Tamer Abu Ghazaleh, ein bekannter Musiker aus Kairo, Ägypten, der den Aufstieg der Band mitverfolgt hat.

47Soul fingen 2013 als lose geknüpftes Kollektiv in der jordanischen Stadt Amman an, als El Far3i und El Jehaz, beides bekannte Figuren der dortigen Musikszene, Z the People über einen gemeinsamen Freund kennenlernten. Später kam noch Sbeit zum Trio dazu und schon bald war der Begriff „Shamstep" geboren.

„Es ging am Anfang eigentlich um einen Verweis auf bestimmte Beats oder Beat-Kombinationen", sagt El Jehaz. „Ich sagte zu Tareq so was wie: ‚OK, warum versuchen wir nicht dieses Shamstep-Ding?' Es war nur eine Referenz und dann wurde daraus plötzlich etwas."

„[Sharmstep] fast super zusammen, was die Band in die Welt hinaustragen will."—Tamer Abu Ghazaleh, ein Musiker aus Kairo

Auf Shamstep, der letztes Jahr erschienen Debüt-EP von 47Soul—die sie mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne aufgenommen hatten—setzen sie sich gleichermaßen für Einheit und Diversität ein. Fette Synths und stimmungsvolle Gitarren verschmelzen in dem Song „Don't Care Where You're From" zu einem reverblastigen Gemenge, das an Bands wie Radiohead oder Explosions in the Sky erinnert. Der letzte Song „Everyland" ist hingegen eine arabische Interpretation jamaikanischen Dancehalls. „Every land is a holy land!", singen sie auf Englisch im Refrain.

Ein zentraler Bestandteil des Shamstep sind die wirbelnden Synthspuren und synkopierten, Raggaeton-ähnlichen Beats der Dabke—einem traditionellen Kreistanz, der aus der Region stammt und dort weit verbreitet ist. In einer sechsteiligen Kombination aus Stampf- und Schrittbewegungen wird die Dabke auf Hochzeiten und zu anderen festlichen Anlässen getanzt.

Die Dabke hat aber mehr zu bieten als mitreißende Beats und abgefahrene Dance-Moves. MacDonald zufolge ist der Tanz ein besonders potentes Werkzeug für palästinensische Musiker und Aktivisten, um sich ihrer Identität in besetzten Gebieten wie der West Bank zu vergewissern. „Wenn sie es tun, dann ist das mehr als nur ein Tanz. Sie behaupten sich selbst als Palästinenser", sagt MacDonald. „Sie sagen damit, ‚Wir sind hier. Wir leben hier seit Jahrhunderten und, indem wir mit unseren Füßen aufstampfen, fordern wir dieses Land zurück.'"

Vor zwei Jahren sind 47Soul dann nach London gezogen. Das lag auch daran, dass sie alle in unterschiedlichen Ländern lebten und aufgrund von verschiedenen Reisebeschränkungen nur schwer an einem gemeinsamen Ort im Nahen Osten zusammenkommen konnten. „Das ist immer ein Problem für Künstler, die versuchen Netzwerke in der Region aufzubauen", erklärt Abu Ghazaleh, ein Palästinenser, der zusammen mit Menschen aus dem Libanon, Ägypten und dem Irak in einer Band namens Alif spielt. „Es ist extrem kompliziert für Sudanesen, ein Visa für Ägypten oder den Libanon zu bekommen. Und es ist sehr schwierig für einen Palästinenser nach Haifa, Gaza, die West Bank, Ägypten oder die meisten Länder drum herum zu gelangen. Viele Bands, die es geschafft haben, sich irgendwo außerhalb zu treffen, können das nicht innerhalb der Region."

„Die Dabke ist mehr als ein Tanz. Sie vergewissern sich selbst damit als Palästinenser. Sie sagen: ‚indem wir mit unseren Füßen aufstampfen, fordern wir dieses Land zurück.'" David MacDonald, Professor für Musikethnologie an der Indiana University

47Soul haben seitdem Festival- und Clubshows in ganz Europa, Chile, Australien und Ägypten gespielt. Aber Probleme mit Einreisebestimmungen—oder dem „globalen Apartheit-Pass-System" wie Z the People es nennt—machten ihnen auch diesen Sommer wieder einen Strich durch die Rechnung. Im letzten Moment wurde Sbaits Visaantrag dann doch noch von der amerikanischen Botschaft abgelehnt. Ein möglicher Auftritt in den USA war dementsprechend nicht mehr möglich. Die Band hofft allerdings immer noch, es irgendwann in die Vereinigten Staaten zu schaffen. Sie wollen unbedingt die dort herrschenden Ansichten über die arabische Kultur ändern.

„Als ich klein war, wurde da Wort ‚Palästina' oder ‚Palästinenser' in den Mainstream-Medien überhaupt nicht verwendet—wenn überhaupt, dann im gleichen Satz mit dem Wort ‚Terrorist'", sagt Z the People. „Jetzt haben wir das gleiche mit dem Wort ‚Araber/arabisch' oder ‚Naher Osten'. Das ist in vielerlei Hinsicht ironisch, weil wir die Hauptopfer des Terrorismus durch Israel, Europa, Amerika und unsere Region sind."

Darin liegt auch die Kraft von 47Soul. Während ISIS weiter Ängste schürt und Donald Trump gegen Muslime hetzt, hat die Gruppe eine multinationale Fangemeinschaft aufgebaut, die sich von London bis in den Libanon erstreckt. Gelichzeitig steht die Musik aber an erster stelle und sie versuchen nicht, dem Zuhörer ihre politische Agenda aufzudrängen. Einer der besten Songs auf der Shamstep EP ist die sinnliche R'n'B-Nummer „Meeli". Wie bei einer Sham-Version von Boyz II Men schüttet einer sein Herz aus, während der andere auf Arabisch rappt.

El Jehaz übersetzt den Titel des Songs als „Lehn dich an mir an."

„Es ist ein bisschen wie: ‚Lehn dich an mir über Grenzen hinweg an", wirft El Far3i ein.

„Und auf der Tanzfläche", so El Jehaz weiter. „Was auch immer für dich funktioniert."

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