Image from Avicii's Facebook

Depressionen, Isolation, Drogenabhängigkeit—wenn das DJ-Dasein zu psychischen Problemen führt

Erfolg ist kein Garant dafür, dass man vor psychischen Problemen gefeit ist. Wir haben mit einigen DJs darüber gesprochen.

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Juli 6 2016, 3:42pm

Image from Avicii's Facebook

Das Leben als Musiker auf Tour hört sich an wie ein Traum: Du wirst an neue und exotische Orten geflogen, du wirst dafür bezahlt, auf der Bühne deine Arbeit zu präsentieren, du wirst bewundert, die Leute stellen sich an, um dir zu sagen, wie toll du bist und du kannst so viel Alkohol, Koks und Sex haben, wie du willst.

Aber hinter den schönen Instagram-Fotos von Privatjets und Chillen am Pool eines Luxushotels, steckt eine weniger glamouröse Wahrheit: Isolation, Schlafstörungen, Wochen, ja sogar, Monate der Trennung von Freunden und Familie, Karrierehöhe- und Tiefpunkte und schier endloses Trinken und Unmengen von Drogen.

Das wirkt sich alles negativ auf die psychische Gesundheit der Musiker aus. In den letzten zwölf Monaten haben immer mehr von ihnen offen über die negativen Seiten ihres vermeintlichen Traumjobs gesprochen.

Fünf Jahre auf Tour mit ständigem Trinken ließen Avicii zweimal im Krankenhaus landen.

Avicii hat sich dieses Jahr im Alter von 26 zur Ruhe gesetzt. Er hat auf lukrative Deals für Auftritte verzichtet und auf dem Höhepunkt seiner Karriere den Hut genommen. Fünf Jahre auf Tour mit ständigem Trinken haben ihren Tribut gefordert. Der schwedische DJ landete deswegen zweimal im Krankenhaus.

Die New Yorker House-Legende Erick Morillo hat vor Kurzem enthüllt, dass sein Leben in einen Teufelskreislauf geriet, als seine Karriere ihren Höhepunkt überschritten hatte. Was folgte, war die Abhängigkeit von Ketamin, die bei ihm fast zum Verlust eines Arms führte.

Dubstep-Pionier Benga hat sich erst neulich aus einem zweijährigen Sabbatical zurückgemeldet—nach der Diagnose von Schizophrenie und bipolarer Störung. Er glaubt, dass die Jahre auf Tour und intensiver Drogenkonsum dazu geführt haben.

Ende letzten Jahres hat Deadmau5 bekannt gegeben, dass er selbst unter Depression leidet. Sogar Techno-Übervater Carl Cox sagte Mixmag, dass er nächstes Jahr seinen Tourkalender entschlacken will, weil er Angst davor habe, „auszubrennen". Bereits vor 14 Jahren gewönte er sich das Trinken, die Drogen und das Rauchen ab, nachdem ihn die Ärzte vor den gesundheitlichen Folgen warnten. Aber auch trocken und mit einer gesunden Lebensweise kommt er mit dem Schlafmangel und dem ständigen Wechsel der Zeitzonen, die das internationale Tourleben mit sich bringt, nicht zurecht.

Gilt ein erfolgreicher DJ und Produzent nicht als einer der besten Jobs auf der Welt? Wieso brennen so viele aus der ersten Liga dann so schnell aus?

Bei einer Umfrage gaben 60 Prozent aller Kreativen an, dass sie bereits Depressionen erlebt hatten.

Studien belegen, dass ein Job in der Kreativszene sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt, unabhängig davon ob man nun in einer Einzimmerwohnung lebt, oder sechsstellige Summen verdient und in Las Vegas in einem Penthouse wohnt. Aus einer Untersuchung der Victoria University aus dem letzten Jahr geht hervor, dass psychische Probleme bei Leuten in der Kreativszene mit geringer Bezahlung, langen Arbeitszeiten und unsicheren Arbeitsverhältnissen zu tun haben. Bei einer Umfrage der britischen Organisation Help Musicians gaben 60 Prozent der Befragten an, dass sie bereits Depressionen erlebt hatten. Zu den größten Problemen zählten sie die unsozialen Arbeitszeiten, Geldprobleme, unregelmäßige Aufträge und das Tourleben.

Erfolg ist kein Garant dafür, dass man vor psychischen Problemen gefeit ist. Schlafentzug, die Isolation auf Tour und Monate der Trennung von Familie und Freunden, die einen sonst emotional unterstützen, der Wettbewerbsdruck, die Kritik von Kollegen, den Hatern im Internet und die massiven Schwankungen zwischen Hochs und zermürbenden Tiefs können das Leben auch selbst für die erfolgreichsten der Zunft zur Hölle machen. Zusammen mit einer unsteten Lebensweise aus Fast Food, fehlendem Sport und zu viel Alkohol und Drogen kann zu Verzweiflung führen.

Selbst wenn du alle unterhälst, kannst du dabei sehr allein sein. Foto: imago/teutopress.

Vijaya Manicavasagar ist der Direktor für Psychologie beim Black Dog Institute, einer Non-Profit-Organisation, die psychische Erkrankungen erforscht und behandelt. Manicavasagar sagte THUMP, dass schier endloses Touren die Leute einem besonders hohen Risiko aussetzt, weil nicht nur der Schlafmangel und die ungesunde Lebensweise für die Ausbildung eines emotionalen Gleichgewichts hinderlich seien, sondern dass das ständige Feiern die tiefer liegenden Probleme nur verdecke.

„Wenn du dich nicht gut oder ängstlich fühlst, kannst du das fälschlicherweise einem Kater zu schreiben: ‚Ich habe zu viel gefeiert und bin nur verkatert, egal'. Du bist dir nicht mal bewusst, dass es ein tiefer liegendes Problem gibt", sagte er THUMP.

Die Höhen und Tiefen der Feierei können auch die Symptome einer bipolaren Störung verdecken. Leute, die unter Panikattacken oder Depressionen leiden, sind oftmals die, die noch mehr feiern, um sozialen Umgang zu haben.

„Sie wenden sich bekannten und erprobten Wegen zu, die sie in der Vergangenheit aufgeheitert haben", so Manicavasagar, „aber das ist vielleicht keine so gute Idee, weil es eine schlechte Stimmung oder einen Angstzustand überdeckt, obwohl die Person professionelle Hilfe braucht."

Man muss nicht gleich ein Alkoholiker sein, aber es ist verlockend, sich locker zu machen, sich zu verlieren, so wie jeder andere auch
Louisahhh

Bromance-Star Louisahhh weiß nur zu gut, wie das Tourleben und die ganzen Partys für ihren Tribut fordern. Sie ist seit zehn Jahren trocken und trotz ihrer gesunden Lebensweise, spürt sie die Auswirkungen von langen und einsamen Wochen auf Tour, besonders wenn man als Solokünstler oder in Ländern unterwegs ist, deren Sprache man nicht spricht und das selbstständige Entdecken des Landes schwerfällt.

„Ich leide unter Angstzuständen und Depressionen", sagte Louisahh THUMP. „Man hat nicht die ganze emotionale Bandbreite, um mit Herausforderungen umzugehen. Manchmal fühle ich mich als trockene Person auf Tour außen vor, als ob ich in einem ganz anderen Film bin. Ich spreche mit keiner Person bis ich in den Club komme, wo jeder betrunken oder high, oder auf einem anderen Planeten als ich ist. Das fühlt sich nicht schön an. Ich verstehe, dass Alkohol ein gesellschaftliches Schmiermittel ist. Man muss nicht gleich ein Alkoholiker sein, aber es ist verlockend, sich locker zu machen, sich zu verlieren, so wie jeder andere auch."

Der italienische Bass-Star Crookers ist auch kein Unbekannter, wenn es um exzessives Feiern geht, einfach weil es anfangs Spaß macht und später daraus dann ein Ich-mache-es-weil-es-alle-anderen-auch-Machen wird.

Ein enger Freund sagte irgendwann zu mir: ‚Dude ... Du siehst echt scheiße aus!'
Crookers

„Als ich anfing, auf Tour zu gehen, habe ich es geliebt, mich zu betrinken und 30 Minuten Schlaf pro Nacht zu bekommen und Spaß mit irgendwelchen Frauen zu haben", sagte er THUMP. „Ich habe nie Drogen genommen. Ich erinnere mich aber daran, dass ich mich jahrelang immer krank gefühlt habe. Jeden Tag mit einem Kater aufzuwachen und zu einem anderen Flughafen zu fahren, hört sich nicht so cool und spaßig an, wie sich die Leute das vorstellen. Dann fängt der Teufelskreis an: Du trinkst, um dich besser zu fühlen, was auch nicht lustig ist. Ein enger Freund sagte irgendwann zu mir: ‚Dude ... Du siehst echt scheiße aus!'".

Crookers hat den Alkohol schließlich gegen Sport getauscht und sich ein neues Tourleben angewöhnt, „dass eher dem Leben eines Sportlers als dem eines DJs entspricht".

„Ich wusste, dass es mein Untergang wäre, wenn ich weiter so leben würde, und dass es schwieriger werden würde, dort wieder rauszukommen", erklärte er THUMP. „Nachdem ich mehr auf mich selbst achte, wurde das Tourleben einfacher und psychisch ausgeglichener als zuvor."

„Ich hätte meine Karriere nie so weiterführen können, wenn ich nicht trocken geworden wäre", sagt er weiter. „Mein Drogen- und Alkoholproblem hat mich sehr schnell sehr eingeengt. Mein Leben bestand nur noch aus meiner Wohnung der Wohnung von meinem Dealer."

Es gibt einfache Anzeichen, ob jemand mehr als nur an einem Kater leidet, so der Experte Manicavasagar. Dazu zählen Einschlafstörungen, Erschöpfung und Reizbarkeit; ein Gefühl der Angst und Furcht vor Dingen oder „die Einengung auf Sachen, auf Substanzen, Aktivitäten oder Verhaltensweisen". Das sind alles Anzeichen, dass jemand professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte. (Dazu können Online-Hilfsangebote wie der Selbsttest der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehören oder auch ein Besuch beim Hausarzt, der dich an einen Spezialisten überweisen kann.)

Es schadet nicht, sich über die Härte des Tourlebens im Klaren zu sein. (Selbst nur, damit du dich mit deinem Bürojob besser fühlen kannst.)

„Wenn die Leute nicht mehr die Dinge machen, die sie immer gemacht haben, oder keine Freude mehr an den Dingen empfinden, die sie normalerweise erfreut haben. Wenn sie finden, dass sie nicht mehr ins Gleichgewicht zurückfinden oder dass sie sich nicht mehr zu einem geordneten Leben, wie sie es definieren, zurückfinden, dann sollten sie sich Hilfe suchen", so Manicavasagar.

Das soll nicht heißen, dass es unmöglich ist, wie ein Rockstar zu leben und zu auf Tour zu gehen. Es gibt unzählige bekannte Künstler, die weit über 50 sind, die alle zwei Tage woanders Konzerte geben und vor jedem Konzert und nach jedem Konzert sich den Schuss geben. Aber es schadet nicht, sich über die Härte des Tourlebens im Klaren zu sein. (Selbst nur, damit du dich mit deinem Bürojob besser fühlen kannst.)

Weiterlesen: Feiern Gehen mit Depressionen ist anders, als du denkst

„Für Leute, die nicht wissen, was für ein Stress dieses Leben bedeutet, scheint es ein Traumjob zu sein", sagte Louisahhh. „Du hast keinen echten Beruf, du bist ein DJ, du siehst die Welt. Die Realität sieht aber anders aus. Die Arbeitszeiten, du bist weit weg von zu Hause. Keiner versteht das wirklich, außer den Leuten, die auch so leben."

„Ich kenne Leute, die fünf Tage lang nicht schlafen, weil sie auftreten, zum Flughafen fahren, im Hotelzimmer verkatert und drauf sind, dann wieder auftreten, zum Flughafen fahren und so weiter—ich weiß nicht, wie sie das machen. Das seinem Körper anzutun, ist krank", so Louisahhh.

„Es ist ein verrücktes Leben, gleich von Anfang an. Und ich glaube nicht, dass das Leben für jeden ist. Ich kann verstehen, warum Leute aufhören oder psychische Probleme entwickeln", sagt Crookers zum Abschluss. „Ich kenne unzählige DJs, die an einem Tag total depressiv und am nächsten Tag total obendrauf sind. Die leiden unter dem verrückten Tourleben und machen trotzdem weiter, weil sie es brauchen, weil sie es lieben und weil es für sie unumgänglich ist."

Wenn du selbst in einer seelischen Krisensituation stecken solltest: Es gibt kostenlose Hilfsangebote die der TelefonSeelsorge unter 0800/111 0111. Mehr Informationen und Hilfsangebote findest du auch auf der Website der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

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