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"München? Eine Homebase ist uns wichtiger als die Szene" – die Zenkers dahoam

Sonja Steppan

Kann man sich als Brüder, DJ- und Geschäftspartner noch überraschen? Wir haben es versucht und Dario und Marco Zenker zum Platten-Blind-Date zwischen 10 Jahre Ilian Tape, der "Blitz"-Eröffnung und ein bisschen Goa gebeten.

Alle Fotos von Manuel Nieberle

München … Im zeitgenössischen Pop-Journalismus ist oft davon zu lesen, dass Künstler, die aus München stammen, stets ein bisschen Gebashe der vermeintlich spießigen Lokalszene über sich ergehen lassen müssen. Insbesondere solche Acts, die nicht verheimlichen, dass sie die bayrische Landeshauptstadt für die schönste und lebenswerteste überhaupt halten.

Dass Münchens große Vorzüge freilich darin liegen, dass "man sich hier halt kennt" und der Zirkel derer, die mit ihrem kreativen Output auf einer Wellenlänge liegen, nur eben kleiner ist als in anderen Metropolen, zeigt erneut die für diesen Samstag, den 22. April, angesetzte Eröffnung des "Blitz". Die Räumlichkeiten des ehemaligen Forums der Technik im Deutschen Museum fungieren im weitesten Sinne als Thronfolger des Kong Clubs, den auch die Brüder Dario und Marco Zenker viele Male beschallt hatten.

Es lag also auf der Hand, dass eine DJ-Residency der Zenker Brothers im Blitz ein hervorragendes Match sein würde. Gerade nachdem sie just den runden Geburtstag ihres Labels Ilian Tape mit einer "10 Year Anniversary Triple 180g Vinyl Compilation" gefeiert haben und ansonsten auch ziemlich viel unterwegs sind.

So trafen sich Marco und Dario nach dem gemeinsamen Auflegen im georgischen Tbilisi und einem Kurztrip an den Gardasee an einem frühlingshaften Dienstagnachmittag mit uns. Der Ort: der Public Possession Plattenladen im Glockenbachviertel. Der Anlass: ein "THUMP Platten-Blind-Date". Die Aufgabe: sich selbst als Brüder, DJ-Kollegen und Geschäftspartner nach all den Jahren (mehr oder weniger erfolgreich) mit musikalischen Fundstücken zu überraschen.

THUMP: Los geht's, Marco macht den Anfang.
Dario: Soll ich besser weggucken?

Marco: Ja klar, du sollst ja blind erkennen, was ich spiele!

1. DJ STINGRAY – "DARK ARTS"

Dario: (nach 10 Sekunden) DJ Stingray würde ich sagen.

Marco: Oh, là, là!

Dario: Das hört man aber auch sofort, finde ich. Solche Beats macht echt nur Stingray!

(Ein kurzes Intermezzo mit Marvin Schuhmann über den lokalen Immobilienmarkt und dessen neues Büro in der Westenriederstraße, "für Münchner Verhältnisse bezahlbar", entspinnt sich.)

Dario: Wir haben beide einen engen Bezug zur Heimat, sind sehr stadtverbunden und eng vernetzt. Wir legen allerdings viel im Ausland auf. Vielleicht ist das der Grund, weshalb wir noch hier sind. Wobei, ich glaube, wir hätten unsere Base auch hier, wenn wir nicht so viel unterwegs wären.

Was verbindet euch mit Public Possession?
Dario: Eine Art Hassliebe … (lacht) Nein, wir haben auch schon einige Parties mit Marvin und Valentino gemacht und sind hier ums Eck aufgewachsen, in der Corneliusstraße.

Marvin Schuhmann: Schreib' auf jeden Fall rein, wo der Dario jetzt genau wohnt, mit Hausnummer! (Gelächter)

"Ich mag diesen rebellischen 'Sound zur Zeit'. Das ist sehr politischer Elektro, was zuletzt weniger geworden ist. Einfach ein Wahnsinnsgefühl." – Marco

Damit ist ja auch die Frage nach der lokalen Szene verknüpft: Wie nehmt ihr die wahr, vor allem, wenn ihr so viel tourt?
Dario: Die Szene ist für uns nicht wirklich relevant. Wir haben 2012 unsere Residency im Harry Klein aufgegeben und sonst im MMA oder Kong aufgelegt. Momentan machen wir das so gut wie gar nicht – erst im "Blitz" dann wieder regelmäßig. Mir persönlich ist eigentlich egal, wie die Szene ist, weil ich eh so viel reise, dass ich nicht ausgehen, wenn ich mal hier bin. Da ist uns die Homebase wichtiger als die Szene.

Marco: Darf ich zur Platte noch was sagen? Ich mag diesen rebellischen "Sound zur Zeit". Das ist sehr politischer Elektro, was zuletzt weniger geworden ist.

Dario: Viele Sachen aus Detroit haben diese Attitude. Ich weiß nicht, wann genau Stingray angefangen hat, aktiv Platten zu machen, aber der ist ja die letzten Jahre noch mal ziemlich durchgestartet. Das ist auch eine unglaubliche Geschwindigkeit!

Marco: Das meinte ich auch mit "rebellisch", da geht es ja nicht in erster Linie um Funktionalität, sondern einfach ein Wahnsinnsgefühl.

2. LOW JACK – "COQUELIN CLOAREC (EMOTIONS)"

Marco: Und, hast du einen Tipp?

Dario: Ich hab's schon mal gehört, glaube ich. Mmh. Nee, ich komm' nicht drauf.

Marco: Ich habe jetzt auch absichtlich Platten mitgebracht, die ein bisschen aus dem herausfallen, was wir sonst so spielen. Beim Aussuchen habe ich auch viel an unser System gedacht.

Dario: Du meinst das politische Weltsystem betreffend?

Nach welchem Prinzip wählt ihr Platten aus, wenn ihr auflegt? Hört man zwischen euch einen Unterschied?
Dario: Nein, hört man gar nicht. Wir haben einen sehr ähnlichen Geschmack, wir kaufen oft genau dieselben Sachen.

Werdet ihr überhaupt noch getrennt gebucht?
Marco: Ja, auch, aber hauptsächlich zusammen. Es ist lustiger, gemeinsam zu reisen, alles zu zweit zu machen. Auflegen macht kollektiv mehr Spaß.

3. IPMAN – "REGICIDE"

Dario: Boah, kein Ahnung, was ist das?

Marco: IPMAN. Kennst du nicht?

Dario: Wie heißt der?

Marco: IPMAN, so wie Ippe, mit einem P.

Dario: Das ist geil, so eine Mischung aus Dubstep und Drum'n Bass. Und auch nicht so schnell, oder?

Eine Frage zu eurem Label, Ilian Tape: Wie ist es denn, nun zehn Jahre im Rückblick zu haben und zu sehen, wie sich die Kommunikation nach außen geändert hat?
Dario: Jahrelang haben wir selbst Kontakte gesammelt und Emails rausgeschickt, an circa 200, 250 Adressen. Erst vor dem ersten Album-Release 2015 wurden wir dann von unserer heutigen PR-Agentur kontaktiert, mit denen wir auch nur für Alben oder Compilations zusammen arbeiten. Ansonsten teilen wir beide uns die Aufgaben genau auf; Buchhaltung und so weiter.

Marco: Bereit für den nächsten Tune?

4. PETER TOSH – "STEPPING RAZOR"

Marco: Das ist aus dem Soundtrack zum Film Rockers. Da spielen ja lauter Reggae-Künstler mit, Burning Spear, Big Youth, Dillinger. Das ist Peter Tosh.

Dario: Sehr relaxed!

Apropos, wie haltet ihr es mit Ruhephasen im Familien-Business?
Dario: Ruhephasen voreinander meinst du? Mittlerweile haben wir uns eigentlich ziemlich gut eingegroovt. Klar, es kracht schon immer mal wieder, aber wir machen das jetzt schon so lange, dass man auch nicht mehr alles so ernst nimmt, oder sich dann aus dem Weg geht. Anfangs hatten wir beispielsweise immer ein Hotelzimmer zusammen. Seit ein paar Jahren jetzt getrennt. Januar nehmen wir uns komplett frei, fahren in den Urlaub, haben keinerlei Gigs. Mittlerweile versuchen wir auch ein Wochenende im Monat gar nicht aufzulegen, so gut es geht.

Wie muss man sich Weihnachten bei den Zenkers vorstellen?
Marco: Emotional! (lacht) Das ist jedes Jahr dasselbe, die ganze Familiengeschichte wird aufgearbeitet, wie in jeder Familie.

Dario: Immer lecker Essen, viel Rotwein, ganz melancholisch. Es geht nur um die Familie, nicht ums Business – auch wenn unsere Mum Bettina die Bilder für unsere Artworks malt.

5. THE CRIMINAL MINDS – "A VISION OF DREAD"

Dario: Das ist so richtig 90er Reggae, Drum'n Bass. Ich bin eh überrascht von deiner Auswahl. Sehr basslastig auf jeden Fall. Gut, wobei ich jetzt auch keinen Techno dabei habe; nur einen Goa-Track.

Marco: Den kenne ich mit Sicherheit! (lacht) Okay, dann wechseln wir jetzt!

1. DELIA DERBYSHIRE – "SEA"

Marco: (linst unauffällig auf die Platte) The Dreams?

Dario: Ja, genau. Das ist von 1964, und eigentlich nur eine Soundunterlegung, auf der Leute von ihren Träumen erzählen. Ich habe die mal zuhause alleine komplett angehört – ist nicht zu empfehlen! (lacht) Das sind richtige Horrorträume!

OK, was ist dein persönlicher Albtraum, von dem du auch erzählen würdest?
Dario: Flugzeugabstürze, weil wir so viel fliegen.

Marco: Ich habe generell eher weirde Träume. In letzter Zeit habe ich häufiger Déja vues. Da habe ich nach dem Traum häufig gewundert, dass es so weird war, aber war dann noch erstaunter, wenn ich es wirklich erlebt habe. Was ja eigentlich belegen würde, dass Zeit nur relativ ist … Die Platte klingt übrigens ziemlich nach David Lynch.

Dario: Ich empfehle sie als Einschlafhilfe oder für ein romantisches Date. (lacht)

2. ALICE COLTRANE – "ISIS AND OSIRIS"

Dario: Irgendein Tipp?

Marco: Orient Classics Vol. 3? (lacht, lauscht) Ist das alt oder neu?

Dario: Alt! Ich habe sie deswegen ausgewählt, weil das Hauptinstrument eine Harfe ist. Das ist eigentlich wie ein natürliches Arpeggio, finde ich.

Marco: Ah, ist das Alice Coltrane?

Dario: Ja, richtig. Die Harfe ist der Hammer, wie so eine Synth-Line gespielt.

Marco: Sau geil!

Spielt ihr Instrumente?
Dario: Nee, wir haben nie eins gelernt. Leute sagen oft: "Was machst du überhaupt Musik, wenn du gar kein Instrument spielst?" Wir können halt keine Noten lesen, aber natürlich schon Lines auf einem Synth oder Drums spielen.

Marco: Eine Drum Machine ist letztlich auch ein Instrument. Bei uns im Studio unterliegt das Set Up einem komplett anderen Prozess. Das ist auch jahrelange Übung, mehr so ein Engineer-Ding, als ein Musiker-Ding.

Dario: Es kann auch hinderlich sein, ein klassisches Instrument zu beherrschen, weil zu viel Theoriewissen das Kreativsein stört. Wir sind da sehr autodidaktisch.

Wenn ihr keine Instrumente spielt, wo liegen eure frühen Einflüsse?
Dario: Ich habe immer viel HipHop gehört, die erste Platte war von Mos Def & Talib Kweli.

Marco: Nicht Michael Jackson?

Dario: Nee, das war die erste CD. Aber das erste Vinyl war diese Rap-Platte, Mos Def & Talib Kweli Are Black Star, da war ich 14, 15.

Marco: Meine erste Platte war Dynamite Deluxe, Deluxe Soundsystem – deutscher HipHop.

Dario: Das war ein geiles Album! Ich hatte mal eine Goa-Phase, viel Psy-Trance, sonst hauptsächlich HipHop. Heute höre ich viel Jazz, und zu Hause eigentlich kaum House und Techno, außer, um mich vorzubereiten.

Sind eure Stücke hier alles Sachen, die ihr auch beim Auflegen verwenden würdet?
Beide: Nee, gar nicht!

Dario: Wir haben uns, glaube ich, unabhängig voneinander gedacht, dass wir hier nicht die Slammer auspacken müssen, weil wir ja eh so viel Clubmusik auflegen und produzieren. Das ist aber bei weitem nicht die einzige Richtung, die wir mögen. So … nächste Platte. Musst du kennen, eigentlich.

3. GROUP HOME – "SO-CALLED FRIENDS"

Marco: Was ist das, Group Home? Ist das vor dem ersten Album oder danach?

Dario: Das ist einfach ein Edit, eine Bonus Version namens "So Called Friends", mit Auszügen von "Supa Star".

Marco: Life Home ist eins meiner Lieblingsalben.

Dario: So, jetzt noch bisschen was Fetziges:

4. POPE OF GEGGA – "PRIPOPP (DIRT MIX)"

Marco: Die Goa-Platte?

Dario: Ja, Baluns Records aus Malmö, Schweden. Eigentlich geil, oder? Dieser Drum Sound ist total zeitgemäß. Auch nicht besonders schnell.

Marco: Ist die nicht gepitcht jetzt?

Dario: Nee, gar nicht.

Marco: Aber das ist doch mehr Techno als Goa.

Dario: Doch voll! Die ist mega trippig!

Was steht für die nächsten zehn Jahre auf eurer Bucket List?
Marco: Wie die letzten zehn Jahre, so interessant wie möglich zu halten. Sehr weitläufige kreative Richtung, noch weiter ausbrechen.

Dario: Würden wir beispielsweise ein super Rap-Demo kriegen mit gutem Vibe, wäre das auch super. Es muss nicht so technoid und Drum'n Bass-lastig bleiben, wie es ist. Es soll einfach stimmig sein!

Und live?
Marco: Die positivsten Überraschungen hatten wir in Städten, wo es nicht jedes Wochenende fünf große Parties gibt; im Osten zum Beispiel. Sonst ist es total abhängig von der Crowd ab, wie offen die Leute sind und wie viel sie erwarten.

Dario: Ich möchte nach Japan, unbedingt. Sonst sind Open Airs auch immer cool.

Marco: Gerne mal eins mit Snoop Dogg. Oder Wu Tang!

Dario: So, die letzte Platte:

5. KLUTE – "F. P. O. P."

Wart ihr mal an einem Punkt, an dem ihr Ilian Tape auflösen wolltet, vor allem unter euch als Brüdern?
Marco: Es gibt natürlich immer mal Phasen, wo man einfach unglücklich ist, und alles in Frage stellt.

Dario: Das bezieht sich genauso aufs Musikmachen, oder Auflegen, oder Beziehungen. Aber ernsthaft drüber nachgedacht? Nie! Obwohl wir viele Jahre auch ziemlich kämpfen mussten.

Marco: Wir hatten keine reichen Eltern; ich habe in der Anfangsphase nebenher behinderte Kinder betreut und bei meinem Dad in der Pension Frühstücksdienst gemacht oder geputzt. Ich wollte immer Sound machen und habe mir mit Jobs Zeit verschafft. Da gab es nie eine Backup-Karriere.

Dario: Hast du ein Tipp zur letzten Platte?

Marco: Alt? Neu?

Dario: Von 1995 und Certificate 18. Das Label macht jetzt aber grad neue Sachen, viele Re-issues. Du kennst es bestimmt.

Marco: Geiler Drum'n Bass! Überhaupt: super Playlist!

"München ist bereit für einen Club wie das 'Blitz'. Wir freuen uns auf jeden Fall, wieder eine Residency hier zu haben." – Dario

Wie steht ihr zu eurer neun Residency im Blitz?
Dario: Wir freuen uns auf jeden Fall extrem, wieder eine Residency in München zu haben, der eigenen Stadt, wo man auch musikalisch groß geworden ist.

Marco: … und dass in der Heimatstadt auch die Freunde zu Gigs kommen können.

Dario: Da steckt wahnsinnig viel Liebe im gesamten "Blitz"-Konzept; es geht [denen] nicht primär ums Business.

Marco: Und das ganze Soundsystem dort ist wohl ziemlich geisteskrank.

Dario: Die Stadt ist auch bereit für so was; es existiert kein Club in München, wo es verschiedene Möglichkeiten zum Abhängen gibt ohne laute Musik. Ich freue mich auch darauf, dass ein Projekt in der Größenordnung vor allem Leute von außerhalb anziehen wird. Davon profitiert eine Party ja immer.

Die restlichen Termine der 10 Jahre Ilian Tape-Tour:
05.05. Hamburg – PAL Shed, Zenker Brothers
06.05. München – Pleasure Rave @ Blitz Shed, Djrum, Roger 23, Stenny (live), Andrea Live, Skee Mask, Philipp von Bergmann, Zenker Brothers

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