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Die 33 besten Alben 2015

THUMP Staff

THUMP Staff

Hier sind die elektronischen Alben, die dieses Jahr die meiste Liebe verdient haben.

Bei THUMP erfahrt ihr in diesen Wochen, was im Jahr 2015 im Bereich der elektronischen Musik passiert ist. Die besten Tracks und Mixes haben wir schon in der letzten Woche besprochen. Heute präsentieren wir euch unsere Lieblingsalben des vergangenen Jahres. Es war nicht ganz einfach, aus den unfassbar vielen guten Werken die 33 besten herauszufiltern. Seht hier unser Ergebnis:

33) Future Brown - Future Brown [Warp]

Es passiert nicht oft, dass schon der allererste Song eines Projekts dessen gesamte Philosophie beschreibt. Als „Wanna Party" von Future Brown im Sommer 2014 erschien, ist uns schnell klar geworden, dass die New Yorker damit ihr Mission Statement abgegeben haben. Über einem verführerischen, metallenen Beat rappte MC Tink aus Chicago: „Don't you wanna party, put some liquor in you body, fuck this club, let's get drunk".

Im Februar hat das globale Netzwerk, bestehend aus der Iranerin Fatima Al Qadiri, dem Chicagoer J-Cruch und dem DJ-Duo Nguzunguzu aus Los Angeles, sein Debut-Album veröffentlicht, in das packende Sounds aus aller Welt einfließen, mitunter sogar kollidieren. Lateinamerikaischer Pop trifft auf UK Grime, wird unterstützt vom Bop-Botschafter Sicko Mobb, R'n'B-Sängerin Kelela und Rap-Veteranin Shwanna. Dieses Album verdient das Lob vom Feuilleton, ohne dabei prätentiös zu wirken.—Max Mertens

32) Julio Bashmore - Knockin' Boots [Broadwalk]

Julio Bashmore hatte noch nie ein Problem damit, fesselnde Musik abzuliefern; ein Großteil seines Vermächtnisses beruht dabei auf Sommer-Sounds wie den 2012er-Strücken „Battle For Middle You" und „Au Steve". Sein Verlangen, endlich mal ein eigenes Album zu produzieren, konnte Bashmore aber über eine lange Zeit hinweg nicht stillen. In diesem Jahr ist ihm das allerdings gelungen, und das Werk ist beeindruckend vielseitig und dabei stimmig geworden. Zwischen euphorischen Hymnen wie „Holding On", „Rhythm Of The Auld" und „Kong" finden sich eine Menge Tracks die vor Eigensinn und Charakter nur so strotzen. Nimm nur mal „Umutu feat. Okmalumkoolkat" in dem der Feature-Gast auf Englisch und Zulu über den Beat rappt. Knocking Boots hat Bashmore von einem Produzenten mit dicken Beats zu einem Künstler mit Visionen erhoben—Angus Harrison

31) Siete Catorce - Paisajes [Enchufada]

Siete Catorce (AKA Marco Gutierrez) scheint Spaß daran zu haben, elektronische Musik so weit wie möglich zu verformen. Nachdem er seinen Durchbruch mit NAAFI, einem der coolsten Kollektive Mexikos, hatte, legt Gutierrez nun mit einem eigenen Album nach. Die Tracks auf Paisajes sind nach den verschiedenen Klimazonen Mexikos benannt und die Tracks sind mindestens genau so abwechslungsreich, wie die klimatischen Gegebenheiten des Landes. Paisajes ist ein Abenteuer, vollgepackt mit neuen Sounds und Beats für die globale Tanzfläche.—Valeria Anzaldo

30) Brawther - Endless [Balance]

Endless repräsentiert die weniger aufgedrehte Seite von Brawther. Die Platte besteht eher aus minimalistischen Spätschicht-Tunes. Trotzdem besinnt sich der Künstler auf seine ersten Werke, indem er Stücke wie „Late Nigh Paris" und „Don't Go" neu interpretiert. Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche Sammlung von Musik, die eine Zeitspanne von über fünf Jahren umfasst.—Joel Fowler

29) Seven Davis Jr - Universes [Ninja Tune]

Während einer seiner sündigen Spritztouren ans Ende der Galaxie machte George Clinton süße Funk-Liebe mit den schönsten Sternen der Milchstraße. 30 Jahre später tauchte Seven Davis Jr an der amerikanischen Westküste mit ein paar ebenso galaktischen Aufnahmen auf.—Jemayel Khawaja

28) Helena Hauff - Discreet Desires [Werkdiscs/Ninja Tune]

Descreet Desires von Hamburgerin Helena Hauff ist ein so außergewöhnlich anmutiges Album, dass wir gar nicht aufhören können, dieses Alliterations-Artefakt anzuhimmeln. Tschuldigung, wir versuchen ab jetzt, damit aufzuhören, nochmal von vorne. Descreet Desires ist das Album, das Xeno & Oaklander niemals hinbekommen haben—minimalistisch, mit acid-geschwängerten Arppegios und einem Ambiente wie in einem Horrorfilm von John Carpenter. Diese Platte ist nicht für die schnelle Liebe gemacht, aber wenn du dich ein bisschen darauf einlässt, schenkt sie dir etwas wirklich Spezielles.—Josh Baines

27) DJ Sotofett – Drippin' For A Tripp [Honest Jon's]

Dass DJ Sotofett auf einen unerschöpflicher Quell von Kreativität zugreifen kann, wissen wir schon seit seiner Geschichte bei Honest Jon's Records. Der Mitbegründer des vorwärtsgerichteten britischen Labels hat auf erfrischende Weise verschiedene Genres wie House und Tribal zusammengebracht. Die intensiven Rhythmiken, die du bei Stücken wie „Nondo Original Mix" hören kannst sind das Ergebnis eigenwilliger Genre-Kombinationen. Wenn du es in diesem Sommer nicht an den Strand geschafft hast, schnapp dir ein paar Kopfhörer und dieses Album wird dich sehr nah an das perfekte Sommerfeeling tragen.—Juan Pablo López

26) Xosar - Let Go [Opal Tapes]

Der kompromisslose Utilitarismus von Techno und der unerklärbare Mystizismus des Paranormalen sind seltsame Bettgesellen, aber in dem Untergrund-Kerker um 4 Uhr morgens, für den der Sound von Xosar gemacht ist, erscheinen seltsame Schlafkameraden wie eine großartige Idee. Sheela Raman wuchs in den Vororten von San Jose auf und erhielt innerhalb eines Jahres ihren eigenen Raum im Studio von Legowelt in Den Haag. Ihre Debüt-LP Let Go, erschienen auf Black Opal, ist das psychedelische Meisterwerk, dass sie zur Techno-Ikone beförderte. Die acht Tracks gehen in unter einer Stunde mehr Risiken ein, als viele andere Produzenten in ihrer ganzen Karriere und am Ende überdenkst du vielleicht sogar deine Einstellung gegenüber Heilkristallen.—Jemayel Khawaja

25) Hunee - Hunch Music [Rush Hour]

Das koreanisch-deutsche Album aus Amsterdam für Rush Hour mag sich auf dem Papier etwas anders anfühlen, als die Disco- und House-Sets, mit denen sich der Producer einen Namen gemacht hat, aber es ist genauso geschmackvoll und abenteuerlich. Auf zwei Tonträgern lässt Hunee, aka Mr. Hunch, aka Hun Choi, Farben von seiner kompletten musikalischen Staffelei einfließen. Dabei dreht er sich zwischen wummerndem Techno, Spritzern von Synthies, zurückhaltendem House („Rare Happiness") und einem hypnotischen Sun-Ra-Sample („The World")—während er sich gegen die Einladung wehrt, sich in dem bewährten House-Sound seiner gelobten EPs und DJ-Sets zu verfangen.—David Garber

24) RP Boo - Fingers, Bank Pads & Shoe Prints [Planet Mu]

RP Boo macht die Art von Musik, die sich anhört, als würdest du sämtliche amerikanische Musik, die nach 1985 entstanden ist in eine Waschmaschine stecken und diese auf Extrem-Schleudern stellen. Es ist eine desorientierende Erfahrung, eine die den Hörer zum Hören zwingt. Dennoch ist da etwas dabei, dass Zeit und Raum verbiegt und durch Wiederholung mit der Wahrnehmung spielt. Und Fingers, Bank Pads & Shoe Prints ist der Sound der Neuzeit. Zumindest der der alten Neuzeit.—Josh Baines

23) Len Leise - Lingua Franca [International Feel]

Freundliche Erinnerung: Es gibt keine langweiligere Frage auf der Welt als „Was ist balearisch?" Wir schreiben 2015 und wir wissen, was balearisch ist—nämlich alles, was du möchtest, Baby! Es ist eine Einstellung! Es ist Palmen und Estrella-Dam-Flaschen! Es ist Sonnenuntergänge und Sandstrände, Jose Padilla und DJ Harvey, Bongos und Steel-Drums! Es ist Lingua Franca von Len Leise, ein Meistwerk der balearischen Birllianz, veröffentlicht auf International Feel, dem besten balearischen Label und es ist das beste baleraische Album aus Australien, das weiter weg von den Balearen ist, als alles andere. Übrigens, es ist ein wahnsinnig gutes balearisches Album.—Josh Baines

22) M.E.S.H. - Piteous Gate [PAN]

Piteous Gate ist vor allem bedrohlich. Party? Fehlanzeige. Von Hemmungslosigkeit oder einem sich-gehen-lassen ist auf James Whipples erstem Album als M.E.S.H. keine Spur. Jedes Zischen, jedes Klicken und jedes Knacken ist minutiös durchdacht und erfüllt einen ganz bestimmten Zweck. Von „Epithet", das klingt, als würde dir ein Sondereinsatzkommando die Tür eintreten, bis hin zu dem von negativem Raum erfüllten „Jester's Visage" entzieht sich dieses Album jeder Form von bequemer Zugänglichkeit. Auf den Drop kannst du hier lange warten. Alle neun Tracks auf Piteous Gate werden von einer gewissen Stimmung zusammengehalten, sie spielen auf bekannte Dance-Figuren an, ohne jedoch an irgendeinem Punkt ins Klischeehafte abzudriften. Dieses Album liefert keine Erläuterungen, bloß Zwietracht.—Lachlan Kanoniuk

21) Dam-Funk - Invite the Light [Stones Throw]

Dieser Kalifornier haut jetzt schon seit vielen Jahren Funkbatzen raus, die sich durch ihre außerordentliche Saftigkeit auszeichnen—eigentlich kein großes Wunder, wenn man bedenkt, dass dieser Mensch in Besitz einer der wohl pheromongeschwängertsten Plattensammlungen der Welt ist. Auf Dam-Funks neustem Longplayer für Stones Throw gibt uns Damon G. Riddick eine Geschichtsstunde über das weitverzweigte Erbe des Genres. Damit der Unterricht nicht zu trocken wird, hat er sich noch Ariel Pink, Junie Morrison, Leon Sylvers und Q-Tip dazu geholt. Riddicks Hochglanz-Hooks kombiniert mit seiner wiedererwachten Vorliebe für lyrische Inhalte verleiht dieser starbesetzten LP das Zertifikat: Good-Vibes.—David Garber

20) Nicolá Cruz – Prender el Alma [ZZK Records]

Das auf dem argentinischen Label ZZK veröffentlichte Debütalbum von Nicolá Cruz ist die Vermählung lokalem Brauchtums mit digitaler Technologie. Es ist aber noch viel mehr—und zwar die Suche nach seinem Platz in der Welt. Beim Anhören drängt sich unweigerlich das Bild auf, als würde sich der ecuadorianische Producer niederknien und aufmerksam dem Herzschlag der Landschaft lauschen, die ihn inspiriert. Die sich daraus ergebende Reise durch die Anden ist so introspektiv wie sinnlich. Ausladende Analogsounds und rituelle Rhythmen lullen den Hörer in einen meditativen Zustand. Prender el Alma ist der Herzschlag eines erwachenden Kontinents.—Juan Pablo López

19) Rustie - EVENIFUDONTBELIEVE [Warp]

EVENIFUDONTBELIEVE mag das wohl großartigste, allumfassendste und in klebrigen Sirup getränkteste „Fuck You" sein, das wir jemals gehört haben. Von seinem frechen Titel bis zu den schlitzohrigen „Feat Rustie"-Credits, die neben manchen Tracks stehen, ist dieses Album durchzogen vom Sound eines Producers, der sich weigert, anders als nach seinen eigenen Regeln zu arbeiten. Die Produktion ist dabei wohl das, was als erstes auffällt—sie klingt eindeutig nach Rustie—aber nach mehreren Durchläufen sind es vor allem die unwiderstehlichen Pophooks, die einen mitreißen. Dabei befinden sie sich gut versteckt zwischen den aggressiv-dominierenden Soundeffekten und markerschütternden basslastigen Beats. Cuts wie „Death Bliss" und „Big Catzz" schwanken zwischen abgedrehten Ultra-Buildups und Schauern der Erleichterung, während sich Hits wie das Albumhighlight „Morning Starr" ohne Umwege in den Trap-Himmel clappen. Genau wie das Artwork ist auch dieses Album ein pinker und überaus eigenwilliger perfekter Sturm.—Angus Harrison

18) Rionegro - Rionegro [Cómeme]

Als Rionegros Debütalbum im Oktober dieses Jahres auf Cómeme veröffentlicht wurde, bekam es umgehend den Titel eines zeitgenössischen Klassikers verliehen. Das Kollaborationsprojekt von Matias Aguayo, Sano (Sebastián Hoyos), Gladkazuka (Gregorio Gomez) und Natalia Valencia wurde nach der kolumbianischen Stadt benannt, in deren Nähe sich die vier Freunde für einen Monat verschanzten und traditionell-lateinamerikanische Rhythmen wie Salsa, Boogaloo und Merengue mit den Maschinen von heute auskundschafteten. Das daraus entstandene wilde und kraftvolle Gebräu—das auch eine beachtliche Hommage an die peruanische Cumbia-Hymne „La Danza de los Mirlos" enthält—ehrt ihre musikalischen Wurzeln, während es einen gleichzeitig auf eine psychedelische Reise durch den Dschungel des Amazonas nimmt. Ansteckende Rhythmen, progressiv eingesetzte Maracas, bombastische Percussions und MPCs machen dieses Album zu 11 Tracks voller galaktischem House direkt aus den tiefsten Tiefen des südamerikanischen Dschungels.—Juan Pablo López

17) Letta - Testimony [Coyote]

Man kommt schnell auf die Idee, das Grime eine reine Londoner Angelegenheit ist, aber in den letzten Jahren konnte man diesen Sound auch aus einer Reihe von Orten hören, die man wohl nicht erwartet hätte—und von all denen hätte man mit Los Angeles wohl am wenigsten gerechnet. Das Debütalbum des in Skid Row lebenden Producers Letta—übrigens auch die erste LP-Veröffentlichung des zunehmend einflussreichen Labels Coyote—ist ein tiefschwarzes, mutiertes Stück Musik, das in jedem Moment kurz vor der Implosion steht. Mit rasiermesserscharfer Präzision macht es sich an die bekannten Genre-Elemente—Eskimo-Synth-Geschnörkel, brutale Sägezahnbassbeats, 2D-Jump'n'Run Gezirpe und mörderische Percussions sind allesamt vertreten—arrangiert diese aber neu und bettet sie in einen neuen Kontext ein. Offensichtlich können Amerikaner sehr wohl Grime. Tja, wer hätte das gedacht?—Josh Baines

16) Rabit - Communion [Tri Angle]

Als Rabit sein Debütalbum Communion einen Tag vor Halloween über Tri Angle veröffentlichte, bemühten sich Musikjournalisten landein, landaus etwas zu sehr damit, Eric Burtons schwierige, sich jeder Schublade entziehende Musik in eine eben solche stecken zu wollen. Dabei hatte auch Burton schon die Weigerung, seine Musik irgendeinem Label unterzuordnen, selbst zum Ausdruck gebracht. Gegenüber FACT sagte er: „Ich glaube nicht, dass ich jemals einen meiner Tracks auf SoundCloud mit einem Genre-Tag versehen habe." Sobald man etwas Zeit mit Communion verbracht hat, versteht man auch sofort warum. Von dem gewalttätigen Angriff von „Pandemic" bis zu der sich kräuselnden Atmosphäre von „Burnerz" ist dieses Album ein unglaublich potentes und ans Eingemachte gehendes Hörerlebnis. Obendrein liefert es auch noch eine Menge Denkanstöße und berührt durch scharfkantige Vocalsamples und düstere Beats Themen wie Sexualpolitik, Ungerechtigkeit und Manipulation durch Medien. Während die letzten Töne von „Trapped in this Body" verklingen, dämmert es einem, dass dieses Album tatsächlich den meisten Schaden anrichtet, wenn man es tief in seinen Körper hinein lässt.—Angus Harrison

15) DJ Richard - Grind [Dial]

Seit er 2012 mit seinem RISD-Kommilitonen Young Male zusammen White Material gegründet hat, ist DJ Richards Label zu einer der besten Anlaufstellen für schattigen Techno und House geworden. Nach seinem wundervollen Beitrag zu Dials 15-Jahre Jubiläums Compilation Anfang des Jahres, löst sich der enigmatische Amerikaner auf seiner Debüt-LP nun von dem rebellischen Technosound, für den White Material vor allem bekannt ist. Stattdessen kehrt DJ Richard auf Grind sein Inneres nach außen und versieht jeden einzelnen der neun Tracks mit einer bestimmten Stimmungslage. Das Ergebnis ist ein sehr kontrolliertes und bisweilen auch seelisch herausforderndes Albums von einem der besten jungen Talente in den Vereinigten Staaten.—Juan Pablo López

14) Funkstörung - Funkstörung [Monkeytown Records]

Wenn du jemals mit einem dieser klugscheißenden Musiknerds befreundet warst, wirst du ziemlich sicher von Funkstörung gehört haben, also nicht ihre Musik. Du kennst den Namen aus einem dieser ausschweifenden, fanatischen Musiknerd-Vorträge: „Diese beiden Typen, Chris De Luca und Michael Fakesch, aus Bayern ... Bayern! Sie waren ihrer Zeit so unglaublich weit voraus, haben Glitch Hop entwickelt und damit der Musikgeschichte einen neuen Impuls gegeben und überhaupt, wie kann man die nicht kennen?!" Wahrscheinlich kannte sie niemand mehr, weil sie seit zehn Jahren kein neues Album rausgebracht haben. Und was Funkstörung damals mit ihrer Musik erreicht haben, wäre heute vielleicht wirklich unwichtig, hätten sie nicht 2015 dieses unglaublich virtuose Funkstörungs-Update veröffentlicht. Für ihr neues Album bei Monkeytown haben Funkstörung kaputte Beats und Geräusche so sorgfältig in die Kompositionen eingewoben, dass sie das Stück als selbstverständlicher Teil vorantreiben. Das könnte auch langweilig oder glatt wirken, aber sobald du dich an die bis zur Kratz- und Knack-Grenze gepushten Sounds gewöhnt hast, überrascht dich ein rhythmischer Break oder ein Harmonie-Twist, der von einem Takt auf den nächsten die Gesamtstimmung komplett ins Gegenteil wenden kann. Oh, das klingt jetzt schon fast wieder wie so ein ausschweifender, langweiliger Vortrag, das haben die beiden nicht verdient, dafür ist das Album wirklich zu gut.—Andreas Meixensperger

13) Linkwood - Expressions [Firecracker]

Das Großartige an Linkwoods zweitem Langspieler, Expressions, ist die Fähigkeit des schottischen Producers so viele unterschiedliche Orte in den Gedanken der Hörer heraufzubeschwören und diese alle in den gleichen Dunst zu hüllen—genau wie den Seenebel seiner Heimatstadt Edinburgh. Das von nachdenklichen Ambient-Texturen dominierte Album klingt in weiten Teilen wie ein mikroskopisches Streichorchester, das sich in einer einsamen Muschelschale befindet, die von der Strömung hin und her geworfen wird. Während die eingängigeren Tracks des Albens—wie „Ignorance Is Bliss"—vage in die Richtung von Linkwoods früherem, eher tanzorientiertem Material gehen, übernehmen Songs wie „Reef Walking" mit ihrem zeitlosen, melancholischen Ansatz den Vorrang. Die Zukunft von Linkwood und Firecracker Recordings ist gerade auf jeden Fall ein gutes Stück spannender geworden.—Joel Fowler

12) Arca - Mutant [Mute]

Gerade dieses Jahr feiern wir vielleicht besonders viele Alben ab, die dafür angepriesen werden, der Vergangenheit neuen Sinn eingehaucht zu haben. Wenn wir aber aus dem aktuellen Schaffen von Arca eine Lehre ziehen können dann die, dass das moderne Feld der elektronischen Musik noch voller Möglichkeiten steckt. Alejandro Ghersi macht mit seinem neuen Album da weiter, wo er mit dem 2014er Xen aufgehört hat, und baut massige, industrielle Brücken und zierliche Spinnfäden zwischen versprengten Fetzen technologischer Kälte und der Wärme menschlichen Fleisches. Im direkten Vergleich ist Mutant jedoch das sinnlichere Album geworden. Die vibrierenden, gezupften Stabs von „Gratitud" zeigen den Producer von einer emotionaleren und greifbareren Seite, während das trällernde „Faggot" von einer besonders tragischen Form der Einsamkeit erfüllt ist. Die einsame Stimme singt dort traurig gegen diffus versprengte Percussionelemente an. Selbst in so aggressiv klingenden Tracks wie „Vanity" scheinen die nicht zu verleugnenden menschlichen Qualitäten von Arcas Musik heller hindurch als je zuvor.—Angus Harrison

11) Lotic - Heterocetera [Tri Angle]

2015 war ein großes Jahr für Lotic. Sein Name ist inzwischen bekannt, nachdem er positive Kritik für seinen Agitations-Mix auf dem Berliner Label Janus erhalten hat, von beinahe jeder Publikation vorgestellt wurde und für Björk der Opener war und Remixe angefertigt hat. Dennoch dauerte es bis zu seiner Debüt-EP Heterocetera, bis der Stein ins Rollen kam. Nach einem Text der schwarzen Feministin Audre Lorde benannt, ist es ein Statement, dass für sich selbst steht. Mit Cloub Sounds, elektro-akkustischen Synthesizern und einem Masters at Work Sample—ihrer Vogue-Hymne „The Ha Dance"—ist die EP der Grundstein für die aufregende Musik von Lotic. Wir halten es kaum aus, auf das Nächste Werk von ihm zu warten.—Alex Iadarola

10) Kode9 - Nothing [Hyperdub]

Der stärkste Track dieses Albums ist der Letzte: „Nothing Lasts Forever." In Gedenken an „4'33" von John Cage besteht es aus zehn Minuten und neun Sekunden Stille. Abgesehen von den sehr leisen Klick und Raschel-Geräuschen im Hintergrund, wenn du genau hinhörst. „Ich habe ‚nichts' auf YouTube gesucht und das Video eines japanischen Zen-Buddhisten-Mönches gefunden," erklärte Goodmain. „Er sagte: ‚Ich möchte, dass ihr jetzt alle die Luft anhaltet.' Die Idee dabei ist, alles zu sagen, was man sagen möchte, indem man die Luft anhält." Goodman nahm das zwei-minütige Segment und loopte es fünfmal, was in den Track resultierte. Nothing ist eines der besten Alben dieses Jahres. Es erklärt unseren alltäglichen Struggle, eine Bedeutung in der Leere um uns herum zu finden—und in der ewigen Dunkelheit des kalten und einsamen Todes.—Michelle Lhooq

9) Jlin - Dark Energy [Planet Mu]

Inzwischen kennt jeder die Jlin-Story: Sie lebt nicht in Chicago, arbeitet in einer Stahlfabrik in Gary, Indiana; schreibt Soundtracks für Modeshows und macht die brutal dunkelste und kaputteste Musik, die wir je gehört haben. Wir können uns also auf die Musik konzentrieren. Das auf Planet Mu erschienene Dark Energy wird seinem Namen gerecht. Es ist ein wütender, funkelnder Strahl aus Energie, der sich immer und immer weiter auflädt, aber trotzdem eines der zufriedenstellendsten Alben 2015 darstellt.—Josh Baines

8) Darkstar - Foam Island [Warp]

Es könnte etwas unfair wirken, das Album als traurig zu benennen. Es enthält jede Menge Hoffnung und die Charaktere der Platte wirken nicht gerade, als wären sie innerlich zerbrochen, dennoch wird alles von der unaufhaltsamen Schwerkraft nach unten gezogen. Die Stimmen, die du hörst, sprechen von einem Platz in England, den der Rest der Welt vergessen hat. Darkstar erkundet die komplexen Realitäten des Lebens in einer Blase und, am verstörendsten, der Komfort, den diese mit sich bringt.—Angus Harrison

7) Björk - Vulnicura [One Little Indian]

Auf „Stonemilker", dem ersten Track ihres neunten Albums Vulnicura stöhnt Björk: „All That Matters is/Who is open chested/And who has coalguated." Das könnte einer Referanz an die Bedeutung von emotionaler Offenheit und Verschlossenheit sein, aber es funktioniert auch als die Beschreibung des seltsam sexuellen Covers. DIe Musik des Albums ist ähnlich verstörend und bezaubernd—eine Schlussmach-Platte, klar, aber auch mehr als das. Wenn die epische Reise, die dieses Album darstellt zu einem Ende kommt, ist es schwer, sich nicht zumindest ein bisschen erleichtert zu fühlen... und vielleicht auch etwas geheilt.—Gigen Mammoser & Emilie Friedlander

6) Jamie xx - In Colour [Young Turks]

Das Solo-Debüt von Jamie XX schaut wehmütig in die Vergangenheit, ob durch die warmen Drums oder die Samples der UK Rave-Kultur. Jamies Reichweite an Einflüssen—Grime, Drum and Bass, Dubstep und seine Musik als Teil von The xx—verleiht dem Album eine Qualität, die In Colour wirken lässt, als ob Jamie endlich sein komplettes Sound-Spektrum ausgebreitet hätte.

Auch wenn es nicht das revultionärste Album aller Zeiten ist, geht der Londoner Produzent Risiken ein—vor allem auf dem Dancehall-lastigen Track „I Know There's Gonna Be (Good Times)", in dem Jamie mit Young Thug und Popcaan einen absoluten Sommer-Track erschafft. Dieser Track könnte der Grund sein, wieso das Album so gut ist, indem er aufzeigt wie Jamie nahezu perfekte Produktionen mit dem Sound von gestern verbindet. Und dennoch trifft er irgendwie den Zeitgeist.—Gigen Mammoser

5) Floating Points - Elaenia [Luaka Bop/ Pluto]

Es hat fünf Jahre gedauert, bis Sam Shepherd wieder ein Album in ganzer Länge veröffentlicht hat, aber, wie seine Fans bestätigt haben, hat sich das Warten gelohnt. Höchst improvisiert aufgenommen—und über eine 11-köpfige Band performt—nimmt Elaenia den Hörer mit auf eine Reise durch Felder voller Live-Instrumente, Spirituellem Jazz und, natürlich, den Melodien, die dem gebürtigen Londoner zu einem Star des Untergrunds machten.

Smiths Risikofreude ist der Grundstein für seine Karriere, egal ob er mit seinem Live-Set durch die Welt tourt oder in Clubs spielt. Elaenia ist nich für die Prime-Time geschaffen, aber es ist Musik, die deinen ganzen Körper anspricht und alle deine Sinne berührt. Und um was geht es sonst im Leben und der Musik?—David Garber

4) Hudson Mohawke - Lantern [Warp]

Die beste Möglichkeit, sich Lantern anzuhören, ist alleine. Ja, es ist unglaublich gut zum Feiern. Mach es auf einer Party an und du springst im Viereck und umarmst deine Freunde im Sekundentakt. Aber wenn du das wahre Potenzial erfahren willst, stöpsel deine Kopfhörer ein und schließe deine Augen.

Manche Platten hören sich an, wie Filme, aber Lantern klingt wie ein Traum. Hudson Mohawke ist für seine Tracks als Teil von TNGHT und Kollaborationen mit Kanye West und Drake bekannt, weswegen viele Leute mit einer Erwartung an bekannte Namen an Lantern rangingen. Was wir stattdessen bekamen, war ein rücktsichtsloser, herzzerreißender Ansturm. HudMo hat sich selbst neu definiert.—Angus Harrison

3) Grimes - Art Angels [4AD]

Ein Liebesbrief an das Nashville Radio, der gleichzeitig Kritik an dem Charakter des Musik-Journalismus übt? Maximalistische Top 40 Pop-Hymnen, die dich dazu bringen im Schlafzimmer genauso mitzusingen, wie im Stadion? Ein Spaghetti-Western-inspirierter HipHop-Track, auf dem ein tawainesischer Rapper namens Aristophanes auftaucht? Wenn du irgendwelche Bedenken hattest, dass der Managementeal von Claire Boucher mit Roc Nation von Jay Z ihre künstlerische Freiheit einschränken würde, wurdest du von Grimes viertem Album sofort zur Vernunft gebracht.

Wie weit hergeholt die musikalischen Referenzen auf Art Angels auch erscheinen mögen, das Album ist die bisher beste Platte der kanadischen Künstlerin. Viele der Tracks lassen Bucher Selbstzweifel und Sexismus in der Industrie ins Visier nehmen—zum Beispiel „Kill V. Main" oder „Venus Fly". Während Grimes sich seit Jahren für diese Probleme ausspricht, war ihre Plattform dafür nie größer—oder dringender nötig.—Max Mertens

2) Oneohtrix Point Never - Garden of Delete [Warp]

Garden of Delete hat mich zum Weinen gebracht, als ich es das erste Mal hörte—was seltsam ist, da es nicht wirklich eine Platte ist, die sich sentimental anhört. Ich saß in einem Konferenzraum vor Daniel Lopatin und ein paar Mitarbeitern und suhlte mich in den kratzenden Synthies und dem animalischen Gebrüll. Alles, woran ich denken konnte war, wie frei es sich anhört. Hier war ich also—wahrscheinlich kurz vor der Deadline für einen Text, mein E-Mail-Programm ploppte dauernd auf—und Lopatin war damit beschäftigt, die dunkle und tief vergrabene Zeit seines pubertären, Nine Inch Nails- und TV-Horror-Film-geprägten Gehirns zu erkunden. Als er die Platte aufnahm, wusste er wahrscheinlich, dass sie seine Fans polarisieren würde.

Wie Lopatin mir selbst bei unserer Unterhaltung für Beats 1 erklärte, wenn du dir die Pubertät klar und unverträumt ansiehst—dieser Moment, in dem sich unsere Körper verändern und unsere Weltansicht ins Schwanken kommt—ist etwas ziemlich inspirierendes, sogar politisches, dabei. Etwas, in dem der Schl+ssel zu seinen kulturreichen, elastischen Produktionen liegt. „Ich denke, die Mutation auf einem biologischen Level ist so Punk, wie irgendetwas nur sein kann", sagte er, während er den Track „Mutant Standard" erklärte.—Emilie Friedlander

1) Holly Herndon - Platform [4AD/RVNG Intl.]

Der wahrscheinlich krönende Erfolg meiner Karriere war es, diesen Sommer von Deadmau5 geblockt zu werden, nachdem ich ihn einen „daddy Troll" auf Twitter nannte. Ein paar Tage nach diesem „Vorfall" sah ich Holly Herndon live, die Platform während einer Show bei der Pitchfork Tinnitus Music Serie zum Leben erweckte. Mat Dryhurst und Brian Rogers begleiteten sie auf die Bühne, alle drei starrten die meisten Zeit über in ihre Laptops.

Herndon sang und seufzte, während ihre selbstgebastelten PlugIns und Prozessoren ihre Stimme in das Spektrum eines Aliens katapultierten. Sie behandelte ihren Laptop wie ein Instrument, bei dem sie ihre Finger über die Tastur gleiten lies, wie bei Gitarren-Saiten. Interaktive Videos synthetischer Umgebungen, die von menschlichen Figuren, Essen und Technologischen Absurditäten bevölkert waren, flackerten über die Wände. In der Zwischenzeit suchten sich Dryhurst und Rogers die Social Media-Accounts von Leuten aus dem Publikum heraus und kommentierten unsere Online-Leben mit einzelnen Sätzen, die ein Beamer an die Wand hinter sie projezierte. Zu meiner Überraschung wurde ich plötzlich das Ziel eines dieser Kommentare: „Michelle, er hat dir einen Gefallen getan, indem er dich geblockt hat." Ich fühlte mich, als hätte mich ein Blitz getroffen. Das Adrenalin in mir stieg dadurch, dass ich ausgewählt und in meine digitale Welt eingedrungen wurde.

Mein Lieblingstrack bei Platform ist „Lonely at the Top", Herndons Homage an das YouTube-Phänomen der ASMR-Videos, in denen (meistens) Frauen verschiedene beruhigende Geräusche erzeugen, damit es bei den Zusehern zu einem Kribbeln kommt. Während dem Hintergrund von Tastatur-Klappern und dem Rascheln von Papier sagt eine junge Frauenstimme: „Du verdienst es...so viele Leute verlassen sich auf dich und das liegt nicht daran, dass du gut bist, in dem was du tust—es liegt daran, dass du eine gute Person bist."

Dieser Track und meine Erfahrung der Show fassen unglaublich gut zusammen, was Herndons Album dieses Jahr zum absoluten Überalbum gemacht hat. Während andere auch die Themen angehen, mit denen sie sich beschäftigt hat—Internetkultur, Online-Überwachung, Unsichtbare Machtstrukturen und eine Angst vor all diesen Dingen—liegt das Genie von Herndon in der Fähigkeit, dass sie all diese Probleme in einer Weise kommentiert, die einfühlsam, emotional und manchmal sogar lustig sein kann. Ob sie jetzt ihr Publikum zum gläsernen Bürger macht, die seltsamsten Ecken des Internets wahrnimmt oder einfach Musik kreiert, zu der du tanzen kannst—Herndons Cyborg-Pop blickt Richtung Zukunft, aber kümmert sich hauptsächlich um die Frage, was uns menschlich macht.—Michelle Lhooq

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Foto: Joel Fowler, Design: Christopher Classens. Drum machine: Elektron Analog Rytm.