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Patti Smith, ihre Tochter und ein Soundart-Trio haben eine experimentelle Hommage an Nico erschaffen

Mit ‚Killer Road' haben Soundwalk Collective und Jesse Paris Smith ein Album gemacht, das vom Tod der rätselhaften Sängerin in Ibiza inspiriert ist.

Oliver Kinkel

Photo by Michael Stipe (!)/Courtesy of Soundwalk Collective

Einer Legende die Ehre zu erweisen, ist immer ein schwieriges Unterfangen. Tribute-Alben und Coverversionen stehen meistens im riesigen Schatten der Originalarbeiten—egal, wie sehr du dich anstrengst, es ist schwer, an sie heranzukommen. Also hat das Soundwalk Collective—die internationale Soundart-Gruppe von Stephen Crasneanscki, Simone Merli und Kamran Sadeghi—beschlossen, für ihr neues Album, das sich um den tragischen Tod von Nico dreht, etwas Abstrakteres zu machen. Das Trio—dessen Arbeit bis jetzt hauptsächlich aus ortsspezifischen, von der Natur inspirierten Installationen bestand—geht einem üblichen Tribute aus dem Weg und taucht stattdessen ins Unbekannte ein. Sie nutzen Field Recordings, Spoken Word und seltene Percussion-Instrumente sowie das Harmonium von Nico, um eine eine sanfte aber bedrohliche klangliche Palette zu erschaffen, die genauso rätselhaft wie die Sängerin selbst ist.

Das Konzept entstand in Ibiza, wo Nico zum Zeitpunkt ihres Todes lebte. Crasneanscki hatte ein großes Interesse für ihr Erbe entwickelt und begonnen, Fotos zu machen, die von ihrer eindringlich intensiven Natur inspiriert waren. Im Frühstadium der Entstehung von Killer Road konnte das Trio außerdem ein weiteres Idol mit an Bord holen. Wie es der Zufall so wollte, saß Crasneanscki in einem Flugzeug neben Proto-Punk-Heldin Patti Smith und erklärte ihr das Projekt. Smith war seit langem Fan der Arbeiten der legendären Sängerin und begeistert von der Idee. Drei Tage später nahm sie in einem Studio mit dem Soundwalk Collective auf. Smiths Tochter, die Multiinstrumentalistin und Künstlerin Jesse Paris, war ebenfalls für einige musikalische Beiträge mit dabei und las zusammen mit ihrer Mutter einige von Nicos Gedichten.

Eine erste Version des Stücks feierte 2013 bei der Biennale in Venedig ihr Debüt, nach ein paar Jahren und einigen weiteren Liveperformances, u.a. auch in der Berliner Volksbühne, gibt es nun endlich eine aufgenommene Version (erscheint am 2. September über Sacred Bones/Bella Union), die so Unheil verkündend und schwer klingt, wie das Konzept es andeutet. Vor dem Hintergrund der Albumveröffentlichung hat THUMP sich mit Merli, Sadeghi und Jesse Paris Smith in Verbindung gesetzt, um über die seltsame Schwere der Platte zu sprechen. Lies unten das Interview, das sich aus zwei unterschiedlichen Telefongesprächen zusammensetzt und hör dir „I Will Be Seven" von Killer Road im Stream an—eine düstere Neuinterpretation einer der letzten Songs, die Nico vor ihrem Tod 1988 geschrieben und aufgenommen hat.

THUMP: Wie entstand das Konzept für dieses Album? Wann habt ihr beschlossen, dass ihr etwas über Nico machen wollt?
Simone Merli: Stephan hat vor ein paar Jahren etwas Zeit in Ibiza verbracht und wollte wirklich gerne ein Stück über Nico machen. Wir fingen an, ein paar Field Recordings auf der Insel zu machen. Wir fanden, es ist eine Referenz an den Kreislauf aus Leben und Tod, den Klang der Grillen als harmonischen musikalischen Hintergrund zu nutzen.

Kamran Sadeghi: Anfangs war das Projekt eine Video- und Klanginstallation für die Biennale in Venedig. Anschließend kam Patti ins Studio nach New York, wo wir anfingen, das Projekt aufzunehmen. Dann beschlossen wir, eine Liveshow zu machen. Es passierte alles sehr natürlich.

Viele kennen Ibiza nur für seine Ravekultur. Es ist interessant, sich Ibiza als Setting für Field Recordings über eine Künstlerin vorzustellen, die mit dieser Kultur überhaupt nichts zu tun hat.
Merli: Ich denke, die Insel hat sich ein wenig verändert. Sie hatte schon immer eine Clubkultur, aber sie hat auch eine Menge kreativer Typen und Menschen, die nach etwas suchten, angezogen. Jetzt, wo es ein wenig kommerzialisierter ist, hörst du nur noch von der Clubkultur. Es gibt jedoch eine andere Hälfte der Insel, die sehr durch Natur, Einsamkeit und etwas merkwürdig Spirituelles und Schönes charakterisiert wird.

Habt ihr diese spirituelle Verbindung mit Nico in Ibiza mehr gespürt, als ihr sie woanders gespürt hättet, da die Insel so zentral für ihre letzten Jahre war?
Sadeghi: Ich denke schon. Du hast Platz, Stille und alle möglichen Elemente, die dir erlauben, offen dafür zu sein, etwas zu empfangen, das du in einem urbanen Umfeld nicht bekommen würdest. Ibiza ist sehr vielschichtig, es gibt diese schöne, aufbauende, heitere Energie, aber auch eine Art eindringlich düstere Energie, was sehr zu Nico passt. Wer weiß, wie es in ihrem täglichen Leben war, aber in ihrem öffentlichen Image trug sie ihre dunkle Seele sehr zur Schau. Sie schien sehr intensiv gewesen zu sein.

Wie ist eure Beziehung zu Nicos Musik?
Sadeghi: Wir mögen ihre Musik, aber wir werden mehr durch die Worte ihrer Texte inspiriert. Damit haben wir uns im Studio beschäftigt. Ihre Texte waren definitiv unser Ausgangspunkt für die Arbeit an dem Album. Sie sind sehr kraftvoll.

Jesse Paris Smith: Ich hatte vor diesem Projekt keine sonderlich starke Beziehung zu ihr. Ich kannte ein paar Songs, ich kannte natürlich „These Days" und hatte es vorher bereits mit meiner Mutter gespielt. Meine Mutter kannte sie in den 70ern ein wenig.

Es ist wirklich interessant, dass es weniger um ihre Musik und mehr um ihre Identität und Gefühle als Person und Künstlerin geht.
Sadeghi: Der Punkt ist nicht, sich musikalisch auf sie zu beziehen, sondern auf sie als sehr tief poetische Person sowie die Bilder, die sie mit ihren Worten erschaffen hat. Die meisten unserer Alben basieren auf narrativen Geschichten. Wir machen außerdem eine Menge Field Recordings; das macht etwa 80 Prozent unserer Arbeit aus. Es ist sehr wichtig, eine Erzählung zu haben, um diese richtig verwenden zu können. Es ist außerdem wichtig, nicht in einem Genre stecken zu bleiben. Wir machen viele Arten von Musik. Sie ist elektronisch, aber wir machen keinen Deep House oder Techno. So arbeiten wir nicht, wir versuchen mit jedem Projekt, recht tief zu gehen und intim zu werden.

Jesse, wie hast du dich in das Projekt eingebracht? Was war für dich der lohnendste Teil des Prozesses?
Paris Smith: Für mich war die Performance spannender. Ich habe eine Menge Instrumente gespielt. Das hat auf der Bühne wirklich Spaß gemacht. Auf den Aufnahmen kannst du sie nicht auseinanderhalten. Ich habe eine Menge Dinge gemacht, die eher visuell waren. Der Klang ist toll, aber Teil der Performance war, dass diese Instrumente interessant aussehen.

Welche Instrumente hast du gespielt?
Paris Smith: Ich hatte ungefähr 15 Glasschüsseln, Modularsynthesizer, ein paar kleine Metallophone, ein Waterphone, das du mit Wasser füllen und mit einem Cellobogen spielen kannst, eine Ocean Drum, Koshi Chimes und den Rest habe ich vergessen. Es hat Spaß gemacht, da Stephan sich hauptsächlich um die Field Recordings gekümmert hat und es schön war, die Naturklänge von Ibiza zu haben, wie Wasser, redende Menschen, Fußstapfen und Fahrräder, zu denen ich spielen konnte.

Wie hat die Arbeit an diesem Projekt deine Beziehung zu Nico beeinflusst?
Paris Smith: Die Gedichte immer und immer wieder zu lesen und sie zu performen, war eine Art Weg, sie persönlich kennen zu lernen. Mit meiner Mutter über Geschichten zu reden und zu erfahren, wie sehr mein Vater ihre Alben mochte, hat dazu geführt, dass ich mehr hören wollte. Wenn ich jetzt ihre Musik höre, fühle ich anders darüber.

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