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Kann Marshmello die EDM retten und uns mit dem Mainstream versöhnen?

Für eingefleischte Fans elektronischer Musik und Puristen gab es vielleicht nie eine bessere Zeit als jetzt, um sich wenigstens einmal ernsthaft mit EDM zu beschäftigen.

Ezra Marcus

Photo courtesy of Cindy Ord.

New York. Letzten Freitag. YouTube Space. Das Filmstudio, das auch als Veranstaltungsräumlichkeit dient, befindet sich im fünften Stock des Google-Büros im Chelsea Market in Manhattan. Marshmello soll hier ein einstündiges Set spielen. Die EDM-Sensation—in ihrer charakteristischen Uniform aus weißer Hose, weißem Longsleeve und einem weißen Eimer mit X-en als Augen auf dem Kopf—spielt tapfer seine Songs, springt tapfer auf und ab, während einige Dutzend Zuschauer ihm ihre Handys ins Gesicht halten. Die Show wird von SiriusXM veranstaltet und das Publikum setzt sich aus Fans zusammen, die bei einem Wettbewerb des Radiosenders gewonnen hatten.

Dem Erscheinungsbild nach zu urteilen, ist das Publikum das, was du bekommst, wenn du wahllos irgendwelche Leute am Times Square einsammelst. Die eine Hälfte der Leute scheint allerdings, das Event auf irgendeine Weis zu betreuen. Presseagenten lungern mit iPads in den Ecken herum und Mitarbeiter von Sirius schreit zielstrebig umher. Das Licht bleibt während des Sets hell erleuchtet; niemand tanzt. Bis zum Schluss. Ich fühle mich wie ein Statist in einem Performance-Stück von Ryan Trecartin.

Warum hatte ich mich noch mal entschieden, diesem surrealen New-Media-Spektakel beizuwohnen? Weil ich Marshmello total super finde, deswegen.

Das war nicht immer so—als ich ihn letztes Jahr zum ersten Mal in den Line-ups von Festivals sah, habe ich ihn als weiteren durchschnittlichen EDM-Emporkömmling mit dämlicher Maske abgetan. Masken als Marketing-Masche wurden schließlich bis aufs Äußerste ausgelutscht. Und Marshmellos Maske sah so kindisch aus, dass sie beinahe den Eindruck erweckte, als würde sie sich darüber lustig machen, dass wir uns für diese Art von Gimmick begeistern können. Im Laufe des letzten Jahres wandelte sich mein Hohn für seine Musik jedoch zu einer Obsession. Das heißt, ich hatte mir seine Musik tatsächlich angehört und war total angefixt.

Topf auf dem Kopf, Finger am Knopf: Marshmello

Marshmello ist jetzt nicht sonderlich berühmt, aber er ist auch nicht nicht berühmt. Dein cooler Cousin kennt ihn vielleicht nicht, dein lustiger Cousin allerdings schon.

Er hat eine tödliche Mischung aus alberner visueller Masche und geilen Klängen bis auf die Spitze des Ruhms getrieben. 2016 war das Jahr seines Durchbruchs—am 8. Januar hat er in Eigenregie auf seinem Label Joytime Collective das Album Joytime veröffentlicht. Eine zehn Tracks andauernde Explosion voller klebrig-süßer Synthies und überraschend innovativen Drumcomputer-Kompositionen, gepaart mit denselben Ohrwurm-Stimmbearbeitungen, die in "Lean On" von Major Lazer und "Closer" von The Chainsmokers zu finden sind.

Marshmellos Musik verbindet das emotionale Feuer von Trance mit dem radikalen Spirit von Früh-2010er-Maximalisten wie Unicorn Kid, Rustie und Girl Unit. Was Letztere betrifft, so glaubst du mir vielleicht nicht; was hat der Night-Slugs-Prinz schon mit jemandem gemeinsam, der beim Ultra Music Festival, in Clubs mit Bottle-Service und bei Firmen-Radiosendungen in angesagten Gegenden spielt? Seine Fanbase mag zwar eher in Richtung David Guetta als NTS gehen, Marshmellos Musik selbst ist allerdings voller ansteckendem joi de vivre, das durch eine überraschend experimentelle Produktion noch verstärkt wird.

Dein cooler Cousin kennt Marshmello vielleicht nicht, dein lustiger Cousin schon.

Hör dir "Alone", seinen größten Hit von 2016 mit 30 Millionen Spotify-Plays, an—im Wechsel mit Girl Units Kracher "Club Rez" von 2012. Du wirst merken, was ich meine.

"Club Rez" vermischt die sphärischen Höhen von Trance mit dem düsteren Schub moderner Clubmusik und kombiniert Synthies, die in einem Set von Paul van Dyk nicht fehl am Platz wären, mit stampfender Stakkato-Percussion. Marshmello bedient sich bei "Alone" wiederum ähnlichen Werkzeugen aus Trance- und Club-Sounds, auch wenn die Stimmung, die er erschafft, sich eher dem launigen und farbenfrohen Overload von Speed Racer näher fühlt als Girl Units geschmeidiger Chrom-Vision.

Marshmello zieht direkt alle emotionalen Register. Dafür nutzt er ein hochgepitchtes Vocal-Sample und Synthies, die aus einer verschollenen Hymne von Dance Dance Revolution zu stammen scheinen. Es fühlt sich an, als wäre alles mit poliertem, digitalen Glanz überzogen. Der Song marschiert nach ungefähr zwei Minuten unaufhörlich in Richtung Höhepunkt. Wenn der Drop endlich einsetzt, ist das Ergebnis unglaublich. Anstatt seine wunderbare Palette mit kreischenden Afrojack-Synthies oder einem peitschenden Flosstradamus-Trap-Drop zu überladen, schneidet Marshmello den Gesang ab, lässt die Drums von der Leine und hält sich zurück. Der erbarmungslose Groove erinnert mich mehr an die knackigen Electro-Waffen von Jimmy Edgar und Brodinski als an typischen EDM-Kitsch.

Unter der künstlichen Oberfläche von hochgepitchten Vocals und Synthesizern verleiht das stabile rhythmische Gerüst dem Song einen rauschhaften, romantischen Glanz. Als er bei der YouTube-Show "Alone" spielte, fühlte ich mich in eine weit entfernte, schwindelerregende Cartoon-Landschaft versetzt.

Nach einem halben Jahrzehnt voller aufgeblasener Festivals und recycelter Klänge halten sich viele eingefleischte Fans elektronischer Musik aus Prinzip von EDM fern. Und das nicht ohne Grund—viel von der Musik hast sich seit 2012 nicht wesentlich verändert und die Kultur, die sie umgibt, versprüht oft eine ekelhafte Form von Maskulinität.

Doch Künstler wie Marshmello, Flume, Nero, Mija, Porter Robinson und Skrillex schlagen mit experimentellem, sensiblem und geradezu schönem Dance-Pop die Brücke zwischen Underground und Mainstream. Aufgeschlossene Zuhörer merken hoffentlich gerade, dass es noch nie eine bessere Zeit gab, um bei EDM mal reinzuhören.

Nach Marshmellows Show verkünden Mitarbeiter von Sirius, dass Marshmello für Fotos zur Verfügung stehe. Sie beten Fans, im Raum Schlange zu stehen und darauf zu warten, dass sie von einem Team angeheuerter Fotografen geknipst werden. Nach ein paar Minuten beobachte ich, wie fünf muskulöse Mittzwanziger den DJ umringen. "Wir machen den Dab!", frohlocken sie und rangeln sich um die beste Position neben dem Star. Der rechte Arm in die Luft, der linke arm in Richtung Brust geknickt und der Kopf in die Armbeuge. Ich höre wie einer von ihnen sagt, dass sie sich Marshmello später noch einmal im Club Lavo ansehen würden.

Marshmello scheint eine Sekunde lang zu zögern. Sein Gesicht ist unter dem Eimer kaum zu erkennen, trotzdem stelle ich mir einen Ausdruck grimmiger Entschlossenheit vor, während er seine Arm hebt und den Nacken senkt.

Das ist zur Zeit der Preis von Marshmellos EDM-Erfolg. Vielleicht warten in Zukunft unzählige anstrengende Firmenauftritten; vielleicht aber auch nicht. Die Kamera blitzte, die Männer zogen davon und die nächste Gruppe positionierte sich für ihr Foto.

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