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Monsanto High brechen mit ihrem neuen Label die Clubmusik auf

Sarah Ulrich

Das junge Duo weiß, was Leipzigs Szene noch fehlt. Zwischen Eis und Longdrinks haben sie uns ihren Masterplan erklärt.

Alle Fotos von Felix Adler/@zum.adler

Der "Mandarinegro" schmeckt in etwa so, wie er sich anhört: bisschen sauer, bisschen süß, bisschen bitter. Vor allem aber ist der Drink dunkellila. Doch er schmeckt. So sehr sogar, dass die Kreation aus einer kleinen Bar im Osten Leipzigs schon jetzt nachhaltig die Musikszene der Stadt geprägt hat.

Auch heute – das DJ-Duo Monsanto High alias Maria und Jonas hat zum Umtrunk geladen – soll es "Mandarinegro" geben. Serviert wird allerdings "Pompelmonegro": mit Pampelmuse statt Mandarine, ausnahmsweise. Jonas selbst ist kurzfristig eingesprungen, um ihn hinter der Theke des Kollektivprojekts zu mixen.

Wie genau der klassische "Mandarinegro" Jonas und Maria zur Namensfindung bei Monsanto High inspiriert hat, weiß keiner von ihnen so richtig. Nur, dass es einer dieser Abende war, an der die beiden sich an der Bar verquatscht hatten, über Musik und verschiedenste Dinge sinnierten und eben einen Cocktail nach dem anderen tranken. Seitdem legen sie nicht nur solo, sondern auch gemeinsam auf.


Aus dem VICE-Videonetzwerk: Die Crew von "Room 4 Resistance" im Porträt:


Maria ist unter dem Namen Solaris als Resident im Leipziger Club IfZ für ihre ekstatisch-experimentellen Technosets bekannt. Jonas wiederum ist als House DJ und Produzent Stanley Schmidt nicht nur Mitbegründer von Rivulet Records sondern auch Resident der Partyreihe "Buttons" im Berliner ://about blank.

In die kleine Bar kommen Maria und Jonas regelmäßig – ob als Gäste oder als DJs bei den immer wieder stattfindenden Clubnächten. "Das ist einfach ein geiler Ort", sagt Jonas. "Ein Raum, der aktiv von Leuten geschaffen wurde, um experimentelle Musik zu hören. Hier finden Sachen statt, die nirgendwo sonst in Leipzig Platz haben." So wie kürzlich. Da brachte neben Monsanto High, Leibniz und Zond die New Yorker Produzentin Via App mit ihrem Live-Set alle zum Schwitzen.

Doch der Anlass für das heutige Treffen ist ein viel größeres, neues Projekt: Die beiden in Leipzig wohnenden DJs und Produzent_innen gehen noch einen Schritt weiter und bringen im September ihr Label PH17 an den Start.

"PH17 deckt eine Nische ab, die so in Leipzig noch nicht repräsentiert wird." – Jonas

Der Fokus des Labels liegt dabei darauf, verschiedene Spielarten elektronischer Musik mit einer ähnlichen Ästhetik zu verbinden. So geht es zwar noch um Clubmusik im weitesten Sinne, jedoch immer mit dem Anspruch, auch darüber hinaus zu gehen. "Uns treibt die Aufgabe an, über diese Musik hinauszusteigen, ohne sie zu vernachlässigen, und damit vermeintliche Widersprüche zu vereinen", sagt Maria.

Nun ist Leipzig nicht unbedingt eine Stadt, in der es an Labels mangelt. Neben über die Szene hinaus bekannten Adressen wie KANN, Riotvan oder Steffen Bennemanns Holger gibt es zahlreiche kleinere Labels. Wozu also ein weiteres? "PH17 deckt eine Nische ab, die so in Leipzig noch nicht repräsentiert wird", umreißt es Jonas. Von Electro bis Ambient über Weirdo-Techno und Low-Fi bis hin zu elektroakustischem Opern-Pop will man vor allem das repräsentieren, was nicht in den klassischen geradlinigen Konzepten elektronischer Musik folgt.

Erkennbar wird das am Beispiel des gemeinsamen Freunds Moritz aka Leibniz, der schon seit 2014 als Newcomer gefeiert wird und spätestens mit seinem Abriss im Leipziger Boiler Room im November 2016 die Aufmerksamkeit auf sich weiß. "Leibniz bringt viele Clubtracks raus, sitzt aber auch auf total geilen Ambienttracks", weiß Jonas. Für die erste Platte von PH17 hat er folgerichtig Sounds seiner Playstation gesampelt und daraus einen Track gebastelt.

Überhaupt speisen sich die geplanten Veröffentlichungen vor allem aus den Netzwerken von Maria und Jonas. "Es gibt in meinem Umfeld so viele Leute, die geile Musik machen", sagt Jonas. "Sie kennen aber zu wenige Leute oder haben einfach nicht die richtigen Möglichkeiten." Nicht zuletzt deshalb ist auch Luis aka Hobor in das Projekt eingebunden und wird demnächst sein Debütalbum auf Kassette bei PH17 herausbringen. Seine minimalistische Herangehensweise, loopbasierte Musik aufzubrechen und damit abstrakte, sich ständig verändernde Rhythmen zu produzieren, passt perfekt zum Labelkonzept. Oder wie Maria es beschreibt: "Luis' Musik irritiert, bekannte Strukturen und verlässliche Rhythmen werden immer wieder gebrochen. Das führt dazu, dass man gezwungen wird, über die Musik nachzudenken."

"Uns treibt die Aufgabe an, über Clubmusik hinauszusteigen, ohne sie zu vernachlässigen, und damit vermeintliche Widersprüche zu vereinen." – Maria

Heute Abend kommt Luis noch spontan in die Bar und stößt zu einem Interview, das eher wie ein netter Kneipenabend anmutet. Genau so, wie die Labelgründung wie eine fixe Idee von ein paar Freunden wirkt. Dennoch tut das der Professionalität und dem Ehrgeiz keinen Abbruch. Im Gegenteil: Das Engagement aller Beteiligten macht klar, dass dies kein Job wie jeder andere ist, sondern eine Herzensangelegenheit.

Bei PH17 formt sich jedoch nicht nur eine bestimmte Ästhetik verschiedener Spielarten von Musik. Als im Osten aufgewachsene "Kinder der Post-DDR", wie Maria es nennt, hat man auch ein gewisses Interesse für Relikte sozialistischer Architektur. Um dieses auszugestalten, haben sie Sebastian Helm mit ins Boot geholt, der als Dozent an der Bauhaus Uni Weimar arbeitet und sich für das Label der sogenannten Kunst am Bau aus der DDR widmet. Neben der Covergestaltung der ersten PH17-Vinyl, soll sich auch eine kommende Edition mit Drucken und Texten dieser Kunstform widmen, um so zu einer Konservierung zeitgeschichtlicher Themen beizutragen.

Denn die Musik und die sogenannten Betonformsteine, mit denen im Sozialismus die Häuserfassaden verkleidet wurden, gehören zusammen: "Diese Bauart markiert einen Punkt, an dem Künstler in der Gesellschaft versucht haben, Ornamente, Sachlichkeit und Zweckrationalität zu vereinen", erklärt Jonas. "Und als elektronischer Musiker mit Technobackground macht man ja genau das. Clubmusik hat eine starke Zweckmäßigkeit, die man aber immer versucht, zu umspielen und aufzubrechen."

Daher ist eine zentrale Fragestellung für Monsanto High: Wo hört Clubmusik auf, nur Clubmusik zu sein und wird ornamenthaft bis zur Auflösung?

Zwischen all den "Pompelmonegros" und dem schummrigen Barlicht wird dabei immer wieder deutlich: Maria und Jonas wollen mit PH17 auch etwas bewirken. Als das Thema "Konstantin und Sexismus innerhalb der elektronischen Musikszene" beispielsweise zur Sprache kommt, positionieren sich beide klar. "Konstantin ist definitiv nicht der Einzige, der so denkt. Es gibt diesen Sexismus im Musikbusiness immer noch. Daher bleibt ein feministischer Kampf und Empowerment wichtig", sagt etwa Maria. Nicht zuletzt deshalb wollen die beiden bei ihren künftigen Releases immer auch Frauen involviert wissen.

Wo hört Clubmusik auf, nur Clubmusik zu sein und wird ornamenthaft bis zur Auflösung? Das ist eine zentrale Fragestellung für Monsanto High.

Auf der im September erscheinenden, ersten Platte werden zum Beispiel Tracks von Annanan oder ARIADNE zu hören sein. Auch die Planungen für die darauffolgenden Platten von Via App und Ital & Halal sind schon weit fortgeschritten. Zudem wird es bald einen ersten gemeinsam produzierten Track von Monsanto High geben.

Nicht nur die Konzeption weckt also große Hoffnungen auf das neue Leipziger Label, auch die namhaften Artists versprechen viel. Und wer Monsanto High schon mal live gesehen hat, weiß, dass sich die Teamarbeit der beiden stets lohnt.

Sollte sich also immer noch jemand fragen, ob Leipzig dieses neue Label überhaupt braucht, ist das nur mit einem ganz klaren Ja zu beantworten.

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