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6 Künstler erklären, wie sie ihren Job gekündigt haben, um Vollzeit Musik zu machen

Will Caiger-Smith

tINI, Anthony Parasole und andere haben uns erzählt, wie sie erfolgreich Bürojob gegen Studio und Dancefloor getauscht haben – und wie du das auch schaffst.

Flickr / State Farm / CC BY 2.0

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP CA erschienen

Jeder Schlafzimmer-DJ oder -Produzent träumt davon, seinen normalen Job zu kündigen und groß rauszukommen. Für die meisten bleibt das allerdings nur ein Hirngespinst – etwas, über das sie nach einem anstrengenden Arbeitstag mit ihren Freunden witzeln. Einige schaffen es aber tatsächlich. Oft gehen sie noch unter der Woche ihrem Job nach und spielen am Wochenende Gigs, bevor sie endlich die Kündigung einreichen.

THUMP hat mit sechs Künstlern von Los Angeles bis München darüber gesprochen, wie sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Ihre Erfahrungen und Ratschläge zum Verlassen eines sicheren Arbeitsplatzes und der Trennung von Arbeit und Freizeit liefern wertvolle Lektionen für alle, die den gleichen Sprung wagen wollen.


Auch THUMP: Wir haben uns mit Jesse Lanza getroffen:


Anthony Parasole

Wohnort: New York City, USA

Foto: Erez Avissar

Früher hat er im Notfalldienst eines New Yorker Energie-Unternehmens gearbeitet, heute betreibt er die Label The Corner und Deconstruct Music (zusammen mit Levon Vincent) und ist Resident-DJ im Berghain.

THUMP: Wie sah dein Leben aus, bevor du dich ganz auf deine Musik konzentriert hast?
Anthony Parasole: Ich habe früher für Con Edison gearbeitet, einen New Yorker Energieversorger. Ich war in der Gas-Abteilung im Notfalldienst angestellt. Weil das ein 24/7-Job ist, konnte ich mir die Arbeitsstunden flexibel einteilen und gleichzeitig touren, Musik schreiben, ein Label führen und Veranstaltungen organisieren. In meinen letzten Jahren dort nahm die Arbeit aber immer mehr Zeit ein. Wir hatten Kollegen verloren und mit ein paar ernsthaften Situationen wie Hurrikan Sandy und Gebäudeeinstürzen zu kämpfen. Als meine Arbeit immer mehr Zeit für die Musikproduktion stahl, habe ich die bewusste Entscheidung getroffen, mich allmählich aus meinem Vollzeitjob zu verabschieden und voll auf meine Musik zu konzentrieren.

Was war der ausschlaggebende Punkt und wie hast du es durchgezogen?
Mein Label, The Corner, hatte es bereits als eins der besten in die RA-Jahresendliste geschafft. Während ich noch bei Con Edison war, habe ich mir eine mehr auf Techno spezialisierte Bookingagentur gesucht. Ich bereitete ein paar Releases für das Label vor und verwendete meine ganze Freizeit auf meine Studioarbeit, stellte ein paar eigene EPs und Remixe fertig, um etwas für meine Übergangszeit zu haben. Eigentlich hatte ich geplant, meinen Job im Juli 2014 zu kündigen, aber im März davor, als ich gerade von einer kleinen Europatour zurückgekehrt war, explodierte ein Haus in Harlem wegen eines Gas-Lecks. Als ich wieder zur Arbeit ging, hatten sie eine verbindliche 16-Stunden-Schicht etabliert, sechs Tage die Woche. An diesem Nachmittag habe ich dann meine Kündigung eingereicht. Fast zehn Jahre hatte ich dort gearbeitet. Ich konnte es einfach nicht riskieren, meine geplanten Gigs zu verlieren. Obwohl ich nicht wirklich bereit war, musste es einfach passieren. Es war die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt!

Was war das Schwierigste am Wechsel?
Das Schwierigste war definitiv, die richtigen Dinge vorzubereiten, um den Übergang möglichst geschmeidig zu machen. Dazu gehörten Vereinbarungen mit Bookingagenturen, als DJ stets bereit zu sein, Produktionen, das Label, Krankenversicherung und sicherzustellen, dass ich keine Rechnungen offen habe, damit ich nicht dummen Entscheidungen nur wegen des Geldes treffe.

Welchen Ratschlag würdest du anderen geben, die den gleichen Schritt machen wollen?
Jeder angehende DJ oder Produzent, der seinen Job kündigen will, um Vollzeit-Musiker zu werden, muss sich das gut überlegen. Vergewissere dich, dass es vorwärts geht, ein Momentum da ist und genug Geld reinkommt, bevor du deinen Job kündigst.

Atish

Wohnort: Chicago, USA

Foto mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Früher war Atish Mehta Software-Ingenieur bei Facebook, jetzt ist er DJ, Produzent und Mitbetreiber des Labels Manjumasi.

THUMP: Wie sah dein Leben aus, bevor du dich ganz auf die Musik konzentriert hast?
Atish: Ich habe einen Abschluss in Computer-Wissenschaften gemacht und bin immer schon ein großer Computer-Nerd gewesen. Die Musik war nur ein Hobby. Ein paar Jahre habe ich als IT-Berater gearbeitet und dann für ein Web-basiertes Finanzierungs-Startup, bevor ich den Sprung zu Facebook gemacht habe. Dort war ich dann fünf Jahre und habe größtenteils an der Messenger iPhone-App gearbeitet.

Was war das Schwierigste an dem Schritt?
Meine Eltern zu überzeugen. Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob ich das jemals geschafft habe. Die sind in Indien aufgewachsen und mein Vater hat sich den Arsch abgearbeitet, um ein Stipendium für die USA zu bekommen, damit er seinen Kindern ein besseres Leben bieten kann. Sein Sohn geht aufs College, macht einen Abschluss und bekommt einen respektablen Job. Dann schmeißt er alles hin, um eine Welt geprägt von Chaos und Unsicherheit zu betreten. Sie haben nie gedacht, dass das die richtige Entscheidung war. Es war mehr so: "Lass unseren Sohn sich da austoben und dann wieder zurück zur Software gehen." So in der Art habe ich es ihnen jedenfalls verkauft. Ich glaube aber nicht, dass ich jemals wieder zurückkehren werde.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der den gleichen Schritt machen will?
Sprich als erstes mit möglichst vielen Menschen, die das schon machen, und frag sie nach ihrer Meinung. Zweitens, tu dein Bestes, damit du etwa genug Erspartes für ein Jahr hast – oder zumindest ein verlässliches Einkommen. Wenn das nicht der Fall ist, wirst du Kompromisse eingehen müssen und wenn du das tust, beginnst du dich zu fragen, was dich überhaupt erst zu diesem Schritt bewegt hat.

D'Julz

Wohnort: Paris, Frankreich

Foto: Vito Fernicola

Julian Veniel hat mehrere Jahre versucht, seinen Job in der Werbebranche mit einer DJ-Karriere zu verbinden. Jetzt hat er sein eigenes Label, Bass Culture, und eine Residency im Rex Club Paris.

THUMP: Wie sah dein Leben aus, bevor du dich ganz auf die Musik konzentriert hast?
D'Julz: Ich habe mit dem Auflegen während meins Kommunikation-Studiums angefangen. Während dieser Phase hab ich ein Praktikum bei einer Werbeagentur in Paris gemacht und die haben mich dann übernommen. Also habe ich die Uni geschmissen und bin Copywriter geworden. An den Wochenenden habe ich aufgelegt. Dann bin ich nach New York gezogen, um ein Praktikum bei einer anderen Firma zu machen, bevor ich endlich einen Vollzeit-Job als Copywriter bekommen habe. Ich habe zwei Jahre bei D.D.B gearbeitet und ein Jahr bei Euro R.S.C.G. – es war super. Ich habe beide Jobs geliebt und es war eine tolle Gelegenheit, um mit ein paar sehr kreativen Teams für große Kunden wie Volkswagen zu arbeiten.

Was hat dazu geführt, dass du Vollzeitmusiker werden wolltest und wie hast du den Schritt geschafft?
Damals war es schwer, einen festen Job mit langfristigem Vertrag zu bekommen und gleichzeitig begann meine Wochenend-DJ-Karriere durchzustarten. In der Werbung kannst du sehr ruhige Wochenenden haben, aber dann bekommst du eine Kampagne und musst Nachtschichten einlegen oder die Wochenenden durcharbeiten. Wenn ich Auftritte hatte, hat mir das ernsthafte Probleme bereitet.

Meine Kollegen wussten davon, weil mein Name in Magazinen aufgetaucht ist und ich in der Mittagspause immer zum Plattenladen gerannt bin. Als ich meinen Chef darum bitten musste, für mich einzuspringen, weil ich einen Flug zu einem Auftritt erwischen musste, war das nicht so cool. In der Werbung gibt es außerdem einen Haufen Politik. Du musst bei deiner Kreativität Kompromisse eingehen und das oft aus den falschen Gründen. Diese Seite der Branche mochte ich nicht. Es wäre mir bestimmt nicht gut bekommen, länger dort zu bleiben – ich wollte mich mit meiner Kunst ausdrücken.

Welchen Ratschlag würdest du Menschen geben, die den gleichen Schritt machen wollen?
Nimm dir Zeit, um an deinen Skills zu arbeiten. Gerade wegen meines Jobs hatte ich die Zeit, meine Fähigkeiten zu verbessern. Ich konnte so problemlos meine Miete zahlen. Als ich gut genug war, konnte ich den Job kündigen. Ich bin sehr beeindruckt von Menschen, die einfach alles hinschmeißen und bei Null anfangen. Ich würde das niemals tun. Als ich die Entscheidung getroffen habe, war ich bereit.

Enzo Siragusa

Wohnort: Maidenhead, Großbritannien

Foto mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Sriagusa hat in seinen Zwanzigern im IT-Bereich gearbeitet und ist jetzt DJ, Produzent und Betreiber des Labels FUSE London.

THUMP: Wie sah dein Leben aus, bevor du dich ganz auf die Musik konzentriert hast?
Enzo Siragusa: Mit 15 war ich bei einer Berufsberatung und habe gefragt, wie man ein DJ wird. Das war ungefähr 1992, die Rave-Szene gerade auf ihrem Höhepunkt und ich liebte es einfach. Der Berater sagte, dass ich aufs Henley College gehen und Wirtschaft studieren soll. Also habe ich das gemacht und bin irgendwie in der IT-Welt und in diesem ganzen Dotcom-Boom gelandet. Mit 21 kaufte ich mir ein Haus und fuhr ein schnelles Auto. Das Geld machte mir zwar Spaß, aber es gab diese große Leere in meinem Leben. Ich habe jeden letzten Cent zum Feiern ausgegeben. Und währenddessen habe ich mir ständig Platten gekauft mit dem Traum, DJ zu werden.

Was hat dazu geführt, dass du dich voll und ganz der Musik zugewendet hast? Wie hast du das durchgezogen?
Mit 23 bin ich für den Sommer nach Ibiza gezogen und habe eine Residency im Sunsets bekommen. Bei meiner Rückkehr hatte ich kein Geld mehr, also landete ich wieder bei der IT. Bevor ich mich versah, waren vier Jahre vergangen. Meine DJ-Karriere kam nicht weiter, meine IT-Karriere dafür umso mehr. Ich ging zum Betriebspsychologen und der meinte zu mir, ich sollte bei Events einsteigen. "Das Beste, was dein Management tun kann, ist dich in einen Raum voller Menschen zu packen und dort deine Magie entfalten zu lassen." Sofort sah ich mich im Club!

Was war das Schwierigste an dem Wechsel?
Am härtesten war der finanzielle Aspekt. Während meines ersten Sommers auf Ibiza habe ich einen Haufen Geld mit meiner Kreditkarte verbraten und musste dann arbeiten, um das abzubezahlen. Am Ende musste ich echte Opfer bringen. Ich bin zu Verwandten gezogen, obwohl ich 30 war.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der den gleichen Schritt machen will?
Du musst dir gut überlegen, wie du dich selbst finanzierst. Du musst immer noch Platten kaufen, Zeit in Clubs verbringen und in deine Karriere investieren. Kündige nicht einfach überstürzt, sondern versuch erst, einen Tag weniger pro Woche zu arbeiten. Bring dich selbst in eine Position, aus der du locker aufhören kannst. Einfach alles hinzuschmeißen ist ein echter Schock. Außerdem musst du eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ziehen. Für mich war das längere Zeit ziemlich schwammig und wenn du nicht diszipliniert bist, können ein paar Jahre so vergehen.

tINI

Wohnort: München, Deutschland

Foto: Julia Soler

Bevor sie auf der ganzen Welt tINI and the Gang-Partys veranstaltete, arbeitete Sonja-Bettina Günther als Produzentin für den Disney Channel in München.

Wie war dein Leben vor deiner Vollzeitkarriere als Musikerin?
tINI: Ich hatte eigentlich nie geplant, DJ zu werden. Wir hatten einfach ein paar Turntables zu Hause, weil mein Bruder und seine Kumpels so richtig in der Scratching-Szene unterwegs waren. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung beim Fernsehen gemacht. Ich habe Kamera, Beleuchtung, Ton, Schnitt, Produktion und Regie gelernt – also so ziemlich alles, was du für digitale Fernseh- und Filmproduktion wissen musst. Dann habe ich einen Job beim Disney Channel in München bekommen und habe dort vier Jahre gearbeitet. Wir hatten unsere eigene Serie und ich war zuständig für die Montagen. Unter der Woche habe ich Videos geschnitten und am Wochenende Gigs gespielt.

Was hat dich dazu gebracht, Vollzeit Musik machen zu wollen und wie hast du das durchgezogen?
Ich wollte nicht das Risiko eingehen, nur von meinen DJ-Sets abhängig zu sein. Mein Ideal war, mir selbst aussuchen zu können, wo ich spiele. Das ging nur mit einem festen Job nebenher. Sobald ich merkte, dass es sinnvoller wäre, sich voll auf die Musik zu konzentrieren, reizte ich das aus, um mir etwas Sicherheit zu gewährleisten. Ich hatte erkannt, dass ich in der Musik meine absolute Leidenschaft gefunden hatte und dass ich mit dem, was mir Spaß macht, auch Geld verdienen kann. Ich habe aber noch gewartet, bis es ein durchgehendes Bookinginteresse an mir gab. Nach dem ersten Sommer mit der Reihe "tINI and the Gang" habe ich so viele Anfragen bekommen, dass ich das Gefühl hatte, meinen Job kündigen zu können. Das hab ich dann 2007 gemacht, aber dann noch etwa ein Jahr als Freelancerin gearbeitet.

Welchen Ratschlag würdest du jemandem geben, der den gleichen Schritt in Betracht zieht?
Als kreative Künstlerin ist es ungemein wichtig, die Freiheit zu haben, Nein zu sagen. Wenn du zu früh wechselst, bist du wegen des Geldes auf jeden Gig angewiesen. Damit kannst du Gefahr laufen, dich selbst zu verkaufen und an Orten zu spielen, an denen du eigentlich nicht auflegen willst. Warte, bis du 100 Prozent sicher bist und genug gespart hast, damit du Angebote auch ablehnen kannst. Geh den sicheren Weg, dann kannst du nachts vernünftig schlafen und dir deinen Lieblingsjoghurt auch leisten, wenn dir drei Auftritte hintereinander abgesagt wurden.

TOKiMONSTA

Wohnort: Los Angeles, USA

Foto mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Bevor sie Releases bei Labels wie Brainfeeder und OWSLA landete, um die ganze Welt tourte und ihr eigenes Label Young Art gründete, arbeitete Jennifer Lee in der Videospielbranche.

THUMP: Wie war dein Leben, bevor du dich ganz auf die Musik konzentriert hast?
TOKiMONSTA: Mein erster richtiger Job war bei einem Videospiel-Publisher. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Ich habe währenddessen weiter Musik gemacht und bin hier und da aufgetreten. Es war aber vor allem ein Hobby. Im College habe ich mit dem Produzieren angefangen. Am Auflegen selbst hatte ich kein großes Interesse. Ich wollte einfach nur kreieren. Als ich dann gemerkt habe, dass es Bedarf dafür gibt, bin ich aufgetreten und habe es richtig lieben gelernt.

Was hat dich dazu gebracht, Vollzeitmusikerin zu werden? Wie hast du das durchgezogen?
Ich wurde bei meinem Job gekündigt, was ziemlich scheiße war. Das Timing war allerdings super, da ich immer mehr Angebote für Touren und Auftritte in anderen Orten der USA und im Ausland bekam. Also entschied ich mich dazu, mir ein Jahr Zeit für eine Vollzeit-Musikkarriere zu geben und hier bin ich jetzt!

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die den gleichen Schritt tun wollen?
Wenn du weißt, dass es deine Berufung ist, dann kannst du das Risiko eingehen. Vergiss alle Erwartungen und schau einfach, wohin es dich führt.

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