Quantcast
Ian Levine (photo by Ian Levine)

Wie Hollywood-Komponist Hans Zimmer House-Music nach Europa brachte

Tess Reidy

Die Geschichte der allerersten europäischen House-Single.

Ian Levine (photo by Ian Levine)

30 Jahre ist es jetzt her, dass der Komponist des König der Löwen-Soundtracks, ein Drehbuchautor von Coronation Street und eine Legende des Northern Soul die erste britische House Platte erschaffen haben. Egos sind manchmal groß und Erinnerungen schwammig, aber „On The House (Chicago Mix)" von Midnight Sunrise with Nellie ‚Mixmaster' Rush featuring Jackie Rawe brachte den Chicago-Sound nach Großbritannien—und trat in Europa das Genre los, so, wie wir es heute kennen.

Es war der Juni 1986 und House war damals noch ein schwules Underground-Ding aus Chicago. Ian Levine—ein DJ, begeisterter Northern Soul-Anhänger und Resident im Londoner Club Heaven—war gerade von einer Shoppingtour mit neuen Platten aus den Staaten zurückgekehrt.

„Alle redeten über House und mein damaliger Co-Produzent war Hans [Zimmer, Komponist für Filme wie Inception, Dark Night Rises oder Interstellar], der später den Oscar für Der König der Löwen gewinnen sollte. Ich war gerade von meiner Reise zurückgekehrt und sagte zu Hans: ‚Ich will eine House-Platte machen, um der Erste zu sein'", sagt Levine, der später noch Hits wie „A Million Love Songs" und „Could It Be Magic" für Take That schreiben sollte. „Ich dachte mir also diesen Namen aus und weihte alle anderen ein. Es war eine Verarsche und eine Hommage an ältere House-Platten zugleich."

Zimmer, der heute ein preisgekrönter Komponist in Hollywood und wahrscheinlich einer der bestbezahltesten Musiker auf diesem Planeten ist, hatte damals gerade erst mit der Filmmusik angefangen. „Ich erklärte ihm, worauf ich aus war und spielte ihm ein paar House-Platten vor", erzählt mir Levine. „Für jemanden wie ihn ist das wie Malen nach Zahlen. Du zeigst ihm einfach den Stil, auf den du es abgesehen hast, und schon legt er los. Ich bin zu dem Studio gegangen, das wir uns in Fulham geteilt haben, und habe ihm die Bassline vorgesungen. Er hat sie dann auf diesem riesigen, alten Moog-Synthesizer eingespielt, der die ganze Wand einnahm, und noch ein paar Akkorde darüber gelegt."

I

Ian Levine. Foto mit freundlicher Genehmigung von Ian Levine

Die Bassline, die Levine hier meint, stammt aus einem alten Chicago-Klassiker: dem immer noch großartigen „Love Can't Turn Around" von Farley „Jackmaster" Funk. „Ein Teil war von ihm, ein Teil nicht. Ich wollte nicht verklagt werden, also habe ich etwas Ähnliches gemacht und dann noch Klavier und Vocals darüber gepackt. Ich und Damon [Rochefort] haben einfach ‚On the house, on the house, my love is free it's on the house' als Backing-Vocals eingesungen und Damon hat am Ende noch diesen witzigen Rap gemacht."

Damon Rochefort und Bandkollegin Sharon D. Clarke zu Zeiten von Nomad

„Er bestand darauf, dass ich den Rap aufnehme", sagt Damon Rochefort—damals ein 20 Jahre alter Musikjournalist und heute Drehbuchautor der beliebten und langlebigen britischen Serie Coronation Street, sowie der Mann hinter „Devotion", dem 90er Jahre Nummer eins Hit seines Projekts Nomad (Damon rückwärts). „Es war grauenvoll und er wollte mich darauf Nellie nennen. Wir haben diese Platte gemacht und sie war nicht wirklich gut, aber, ja, es war die erste britische House-Platte überhaupt. Wir klauten einfach, was wir vorher woanders gehört hatten."

Sie nahmen den Track in der ersten Juliwoche auf und Ende des Monats war die Platte schon gepresst. Im November 86 ging es dann auch in Großbritannien mit House los, auch wenn sich die große Explosion erst 1988 ereignen sollte. In jenem Jahr etablierte sich die Musik dann befeuert von Ecstasy an Orten wie Sheffield, Manchester, den Midlands und Teilen von London.

Laut Ian Dewhirst, der den Track damals rausbrachte und jetzt für Universal arbeitet, war die Platte ein Produkt der rauschenden 80er—einer Zeit, in der Leute aus der Musikbranche zwischen London und Chicago pendelten und House auf dem Vormarsch war. „Das war die Schwulenmafia—vor allem Ian und Damon—, die meinten: ‚Wir müssen die erste britische House-Platte machen.' Sie waren ihrer Zeit voraus, das kann man nicht anders sagen. Diese Jungs ließen nichts anbrennen", erzählt er. „Es ist schwer, die Umstände in den 80ern zu beschreiben, aber es war verrückt. Wir waren alle verrückt. Wir saßen ständig im Flieger und verbrachten sechs Tage die Woche in unterschiedlichen Rauschzuständen in Clubs. Und eine Sache, die uns dazu angespornt hat, war dieser großartiger House Vibe."

Dewhirst sagt außerdem: „Manche Menschen haben diese Phase nicht so gut überstanden. Als sich die 80er dem Ende neigten, erlebten einige von uns einen Totalabsturz, manche mussten sich neuerfinden, aber das, was wir 86 gemacht haben, hat diese ganze 90er Euphorie schon vorweggenommen. Der zweite Summer of Love war 88—die Platte haben wir 86 gemacht. Wir waren unserer Zeit also ziemlich voraus."

Seitdem ist House nie wieder richtig verschwunden—weder in Großbritannien noch sonst wo. „Er hatte seinen Höhen und Tiefen, er war Mainstream und dann wieder aus den Charts verschwunden, aber aus einer Undergroundperspektive betrachtet, ist House nie wirklich verschwunden", sagt Bill Brewster, Co-Autor von Last Night a DJ Saved my Life. „House erreichte Großbritannien und wurde dort sehr schnell groß."

Brewster sagt, dass es kein Wunder sei, dass Briten wie Rochefort und Levine versucht hatten, den amerikanischen Sound zu imitieren. „Das ist seit Jahrzehnten die herrschende Vorgehensweise in der britischen Dance-Musik. In den 60ern kamen zahlreiche Motown Nachahmer auf den Markt. Seit Ewigkeiten versuchen wir schwarze amerikanische Musik zu kopieren und das hier bildete dabei keine Ausnahme."

Der Track war außerhalb der Clubs kein großer Erfolg, aber er war der Beginn von etwas Besonderen. „Er etablierte die Vorstellung von britischer House Musik", sagt Brewster. „Seitdem hat es Hunderte House-Hits gegeben wie Gat Decors frühes Prog-House-Meisterwerk „Passion" oder „Big Love" von Pete Heller und später transportierten Disclosure eine Version des klassischen Underground-Sounds von Masters At Work, David Morales und Frankie Knuckles in einen modernen Popkontext."

Aber ist der Track auch gut gealtert? „Er ist mir etwas zu camp für mein Empfinden", sagt Dewhirst. „Er ist sehr camp, bouncig und zu poppig für meinen Geschmack."

Brewster sieht das ähnlich: „Ehrlich? Ich mag ihn, aber ich würde ihn nicht in einem Club spielen."

Was ist mit Rochefort? Mag er den Song noch? „Nein. Der ist grauenvoll."

Und Levine? „Oh, ja. Wenn man bedenkt, dass er 30 Jahre alt ist, klingt er großartig."

Die Meinungen gehen also auseinander. Es war vielleicht nicht die beste House-Platte aller Zeiten, aber garantiert auch nicht die schlechteste. Eins steht aber fest, sie war der Start einer Bewegung, die junge Briten seitdem unermüdlich in ihren Bann gezogen hat.

**

Tess ist bei Twitter, THUMP auch.