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Jemand will einen digitalen Türsteher entwickelt haben

Die App "Visionnaire" soll dafür sorgen, dass nur ein "respektvolles und musikorientiertes Publikum" in deinen Club kommt. Wir haben mit dem Team dahinter über ihre Idee von Selektion gesprochen.

Will Caiger-Smith

Frank Küster vom KingSize sortiert noch selbst und hat mit der App nichts zu tun. Foto von imago

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP US erschienen

Komm ich heute rein? Und: Wer schafft es sonst noch in den Club? Das sind zwei der wichtigsten Fragen, wenn es in die neue Nacht geht. Im Idealfall kümmert sich eine "harte Tür" nicht darum, wie lange du angestanden hast oder was deine Eltern beruflich machen, sondern darum, wie sich das Publikum drinnen am besten zusammensetzt und ob da reinpasst, oder eben nicht. In New York wollen die Veranstalter hinter Cityfox Experience das jetzt allerdings ganz ohne quer übers Gesicht tätowiertes, grimmiges Personal lösen.

Cityfox Experience haben ursprünglich in Zürich in der Schweiz mit dem Organisieren von Clubnächten angefangen. Mittlerweile sitzt man in der US-Metropole, macht riesige Edelklassen-Warehouse Partys im Stadtteil Bushwick und arbeitet an der Zukunft "der Tür". "Visionnaire" heißt die App, die das Cityfox-Team entwickelt hat und damit nun den Einlass regelt. Das Besondere: Du kannst sie nur per Einladung bekommen. Die Veranstalter glauben, so ein eine derart hohe Kontrolle über ihre Tür zu bekommen, wie sie beispielsweise das Berghain ganz ohne App hat.

Für den Start von "Visionnaire" hatte man sich vor ein paar Wochen eine ziemlich große Party ausgesucht: Cityfox machten das Brookly Mirage wieder auf – mit Platz 6.000 Gäste ist die Openair-Location der größte Club New York Citys. Wir haben uns mit Simar Singh verabredet, der bei Cityfox die Abteilung "Strategy, Marketing, and Development" leitet, um mit ihm über die "Visionnaire" App und ihre Zukunft zu sprechen.


Aus dem VICE-Videonetzwerk: Was sonst noch in Bushwick passiert …


THUMP: Simar, kannst du uns bitte das Konzept hinter der App erläutern.
Simar: Wir wollen ein musikorientiertes und respektvolles Publikum bei unseren Veranstaltungen fördern und kuratieren, und dabei organisch wachsen. Man muss wissen, dass die Szene für elektronische Musik in der Stadt gerade explodiert. Die Atmosphäre während einer Partyreihe oder in einem Laden kann sich dabei allerdings sehr schnell verändern, wenn etwas beliebt oder "Mainstream" wird.

War das bei euch denn der Fall?
Wir haben ganz genau beobachtet, wie sich die Gäste bei unseren immer größer werdenden Events gewandelt haben. Und wie viele von ihnen, zum ersten Mal auf so einer Party waren oder sonst zu ganz anderen Veranstaltungen gehen. Das ist an sich nicht schlimm – wir wollen unsere Musik und unseren Vibe ja auch bekanntmachen. Aber wenn das zu schnell und in zu großem Rahmen passiert, dann verlieren wir das, was wir aufgebaut haben – unser Stammpublikum verliert das Interesse. Wir bewegen uns schon immer auf der Grenze von "Underground" und Kommerzialisierung. Aber wenn wir wählen müssen, entscheiden wir uns immer für Ersteres.

"Wir bewegen uns schon immer auf der Grenze von 'Underground' und Kommerzialisierung. Aber wenn wir wählen müssen, entscheiden wir uns immer für Ersteres." – Simar Singh, Cityfox

Glaubst du, dass die App sich auch auf eure Besucherzahlen auswirken wird? Zumindest am Anfang.
Klar und das merken wir bereits. Aber hier geht es um die langfristige Perspektive. Wir machen das nicht wegen der Ticketverkäufe. Wir wollen ein großartiges Erlebnis schaffen und das Publikum steht dabei im Mittelpunkt.

Wie entscheidet ihr, wer bei euch Mitglied werden darf? Und wie viele Leute wollt ihr ansprechen?
Wir haben mittlerweile tausende E-mail-Einladungen an wiederkehrende Gäste verschickt. Ein paar Freunden, anderen Promotern und Botschaftern innerhalb der Musikgemeinschaft haben wir zudem weitere tausende Codes und Einladungskarten gegeben. Damit können sie dann andere Leute empfehlen. Momentan läuft alles noch über E-mail und Nachrichten, aber wir werden bald Mitgliedschaftsanfragen in der App und auf der Webseite verfügbar machen. Aktuell sind es bereits einige Tausend Mitglieder. Eine Obergrenze wird es jedoch nicht geben.

Was hat es für Vorteile, bei euch Mitglied zu werden?
In erster Linie sind das die vergünstigten Tickets für unsere Cityfox Experience Events. Außerdem haben wir bereits zwei kostenlose Partys nur für Mitglieder veranstaltet, die dann Freunde mitbringen konnten, damit auch sie zur App eingeladen werden. Darüber hinaus empfehlen wir auch andere Veranstaltungen, für die wir manchmal ebenfalls Rabatte anbieten können. Gerade entwickeln wir bessere Feedbackmöglichkeiten und Umfragen, sodass die Nutzer*innen sogar kommende Line-ups beeinflussen können. Wir wollen mit der "Visionnaire" Community interagieren und ihren Gemeinschaftssinn fördern.

"Wer zu 100% inklusiv sein möchte, der hat keinerlei Kontrolle über den wichtigsten Part einer jeden Nacht: das Publikum und seine Stimmung, die es schafft." – Simar Singh, Cityfox

In der New Yorker Szene für elektronische Musik gibt es heutzutage nur noch selten eine Türpolitik à la Berghain. Was sagt ihr denen Leuten, die eure App für zu restriktiv halten?
In den 90er und frühen 00ern hatten Clubs wie das Twilo oder das Limelight auch eine harte Tür. Aber mit dem Hype rund um die Warehouse Partys Szene ist das definitiv zurückgegangen. Heute ist das sicherlich ein großer Unterschied zu europäischen Clubs, wo Selektoren üblich sind. Aber wer zu 100% inklusiv sein möchte, der hat keinerlei Kontrolle über den wichtigsten Part einer jeden Nacht: das Publikum und seine Stimmung, die es schafft. Wenn du mit einer Party wachsen und gleichzeitig gut bleiben willst, gibt es keine Alternative zur Kontrolle an der Tür. Derzeit geben wir noch eine kleine Zahl von Tickets in den freien Vorverkauf, aber der Großteil geht bereits an die Mitglieder von "Visionnaire". Und ihre Zahl wächst täglich. Für uns ist das ein gerechter Kompromiss zwischen In- und Exklusion.

Wie reagieren eigentlich andere Veranstalter*innen auf die App?
Fast alle, mit denen wir gesprochen haben, verstehen warum wir sie entwickelt haben. Gerade jene, denen es ähnlich geht wie uns. Einige wollen sie jetzt von uns lizenzieren. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

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