Ich war mit Jeff Mills in einer Sternwarte, weil er so ein Weltraum-Nerd ist

Er war begeistert.

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Sep. 6 2016, 10:08am

Rebecca Camphens

Dieser Artikel ist zuerst bei THUMP Niederlande erschienen

„Wow, das ist unglaublich." Jeff Mills steht auf einer wackligen Treppe in der Sternwarte der Universität Amsterdam und schaut durch ein Teleskop in die Sonne. Kurz zuvor hat sich das Dach mit einem imposanten Geräusch geöffnet. Er lacht. „Ich kann so viele Sonneneruptionen sehen. Wie hoch reichen die?" „Tausende von Meilen wahrscheinlich. Sie könnten problemlos so groß wie unser gesamter Planet sein", erwidert Astronom Lucas Ellerbroek. Mills und seine Frau und Managerin Yoko werden von Ellerbroek herumgeführt und nehmen neugierig alle Informationen auf. Mills stellt immer wieder Fragen und weist auf Tatsachen hin.

Wenn du dich ein wenig mit der Techno-Legende auskennst, dann weißt du, dass er ein riesiger Weltraum-Nerd ist. So wie ein Science-Fiction-Autor versucht, die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen in seine Geschichten einfließen zu lassen, versucht Mills, die neuesten Entdeckungen von Astronomen in seine Musik einzuarbeiten. Sein gesamter musikalischer Output der letzten zehn Jahre dreht sich um das Universum. Er hat Alben über Alpha Centauri und Proxima Centauri gemacht, Kompositionen über Astronauten und Liveshows, die das Zeitreisen symbolisieren. An diesem Abend wird er sein Stück The Planets, das durch die gleichnamige Komposition von Gustav Holst inspiriert ist, im Concertgebouw in Amsterdam aufführen.

Deswegen dachte ich, es würde Spaß machen, mit Mills die Sternwarte zu besuchen und er hat zugestimmt. Lucas Ellerbroek war ebenso begeistert von der Idee und machte ebenfalls mit. Der Astronom hat vor Kurzem ein Buch namens Planetenjagers [Planetenjäger, Anm d. Red.] über die Suche nach Planeten, die der Erde gleichen, veröffentlicht. Mills war glücklich, ihn zu treffen. „Seit ich ein Kind war, liebe ich es, die Sterne anzusehen", sagt er. „Ich bin in Detroit aufgewachsen, wo es zu hell ist, um einen guten Blick auf den Himmel zu haben, aber meine Eltern sind oft mit mir in den Urlaub gefahren. Für mich war die Vorstellung, mir einen klaren, dunklen Himmel ansehen zu können, etwas, auf das ich mich monatelang freuen konnte. Ich habe als Kind Comicbücher gelesen und gesammelt. Ich hatte alles von Marvel und ein wenig von DC. Das war das, was ich am liebsten mochte, und dann kamen Fernsehserien und Filme. Ich habe von Alpha Centauri erfahren, als ich die Serie Lost in Space sah. Sie handelt von einem Team, das versucht, einen Stern zu erreichen, sich dabei aber verirrt. Deswegen wusste ich im Alter von fünf Jahren schon vom Universum. Dank einer Fernsehsendung."

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Was Mills sagen will: Die wissenschaftliche Forschung, die Ellerbroek und seine Kollegen betreiben, kann „für einen Laien wie mich", wie Mills sagt, recht abstrakt und schwer zu verstehen sein. Kunst, Musik und Science Fiction können dabei helfen, solch komplizierte Sachverhalte leichter zu verdauen und als Gedankenexperimente dafür dienen, was die Zukunft bereithalten mag. „Die Dinge, die ich mir am liebsten ansehe, sind Weltraumforschung, Planeten und die Möglichkeit, diese zu besiedeln. In der Schule war ich nie gut in Mathe und Naturwissenschaften, aber ich dachte: Was, wenn ich diese Ideen in elektronische Musik übersetzen könnte, um die Grenzen ein wenig zu verwischen? Ich hoffe, mein Publikum zu bilden. Zumindest ein wenig."

In der Zwischenzeit haben wir uns vom Sonnenteleskop dem Teleskop zugewandt, mit dem man Sterne beobachtet. Ellerbroek zeigt uns eine Menge Videos und mit der (kostenlosen) App Stellarium wandert Mills durch das Universum. „Hey, es bewegt sich was!", sagt er und zeigt auf den Bildschirm. „Ah, das könnte ein Satellit sein." Langsam aber sicher beruhigt sich Mills etwas. „Mann, ich hätte gerne so ein Teleskop auf meinem Dach. Ich meine, ich habe ein kleines, aber nicht so etwas."

Ellerbroek nutzt die App, um zu zeigen, welche Exoplaneten—Planeten in anderen Galaxien—bereits entdeckt wurden. „Der erste wurde erst 1995 entdeckt. Das war der Anfang eines neuen wissenschaftlichen Strebens: Der Suche nach Planeten wie unserem. Hast du davon gehört, dass der erste Planet nahe Proxima Centrauri entdeckt wurde? Wenn wir jemals so weit reisen können, wäre das der erste Planet, zu dem wir reisen würden. Es ist so aufregend."

Er zeigt auf einen kleinen Fleck am Himmel, an dem es scheinbar tausende Exoplaneten gibt. Fünf Jahre lang zeigte das Kepler-Weltraumteleskop auf den kleinen Bereich. Immer wieder werden neue Planeten entdeckt. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", so Ellerbroek. „Das verrät uns, dass es mehr Planeten als Sterne gibt. Kannst du dir das vorstellen?" Mir wird schwindelig bei dem Gedanken an so viele Planeten. Es ist schwer zu verstehen. Mills stimmt zu. Er fängt an zu stammeln: „Wow... äh... was... Leute, die denken, dass es kein Leben außerhalb unseres Planeten gibt? Ich meine, es muss irgendwo sein. Aus dem Blickwinkel von Science Fiction ist es interessant, zu denken: Was beobachtet uns von anderen Planeten? Sind sie von der Tatsache alarmiert, dass wir nach ihnen suchen? Vielleicht können sie es fühlen."

Ellerbroek spricht enthusiastisch über den Film Contact. „Als die Aliens im Film das erste Mal mit der Erde in Kontakt treten, senden sie ein Fragment der ersten Radiowellen, die die Menschheit ins All geschickt hat. Sie senden Aufnahmen von Hitler aus dem Radio. Kein merkwürdiger Gedanke, vielleicht gibt es das draußen Kreaturen, die diese Radiowellen gerade empfangen."

Bevor wir zu Planeten in andere Galaxien reisen können, hält Mills es jedoch für interessant genug, die Planeten in unserem eigenen Sonnensystem zu erforschen. Um genau das geht es bei seinem Stück The Planets. „Ich wurde von Gustav Holst inspiriert, der vor hundert Jahren eine Orchestersuite mit sieben Sätzen über die Planeten geschrieben hat. Während er sich jedoch auf griechische Mythologie konzentriert hat, schaue ich mir die Wissenschaft an, die physikalischen Eigenschaften der Planeten und wie du dich darum bewegen könntest. Es ist Fantasie und Science Fiction, basiert aber auf richtiger Wissenschaft. Kurz vor der ersten Aufführung wurde Wasser auf Pluto entdeckt. Also haben wir auf den letzten Drücker ähnliche Motive in die Kompositionen von Erde und Pluto eingebaut. Saturn dreht sich am schnellsten, also ist das Stück am schnellsten. Es gibt sogar eine kurze Passage mit Bassflöte und Horn, die dem Mond von Saturn, Titan, gewidmet ist. Die Idee ist, dass du ein besseres Verständnis der Planeten bekommst, wenn du dir The Planets anhörst."

Mills sprach ausführlich mit Mamoru Mohri, Japans erstem Astronauten, der zwischen 1992 und 2000 im All war. Mills hat ein Stück über ihn gemacht, Where The Light Ends, seinen Input aber auch für viele weitere Musikstücke genutzt. „Ich habe ihn gefragt, wie es war, in den Weltraum zu fliegen, wie die Sonne mit bloßem Auge aussieht und wie es in vollständiger Dunkelheit ist. Aber auch, was er denkt, was das Universum ist. Ich sagte ihm, dass ich die Vorstellung habe, dass es diese Art lebender Organismus ist, ein riesiger Organismus, dessen Teil wir alle sind. Er stimmte zu. Letztendlich sind wir alle ein Produkt des Universums und das wichtigste in der Geschichte der Menschheit ist, zu verstehen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Es ist so unglaublich wichtig, diese Antworten zu finden."

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