Das Motto der Streetparty beim Snowbombing Festival war in diesem Jahr leicht zu erraten ... | Fotos: Vincent Bittner

Wie ein kleines österreichisches Dorf das Snowbombing Festival erträgt

3800 Einwohner und unzählige Kubikmeter Schnee treffen Jahr für Jahr auf 6000 Partygäste mit ihren ganz speziellen Eigenheiten.

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Apr. 14 2016, 10:15am

Das Motto der Streetparty beim Snowbombing Festival war in diesem Jahr leicht zu erraten ... | Fotos: Vincent Bittner

Seit wann passen elektronische Musik und Schnee zusammen? Nein, nicht der Schnee an den du jetzt denkst—echter, weißer Schnee, der aus den Wolken vom Himmel fällt. Vorzugsweise auf die Berge, wenn du dort gerade zum Skiurlaub bist.

Du fragst dich jetzt sicher, was THUMP mit Skihütten, auf denen normalerweise nur Helene Fischer oder Gestört aber GeiL laufen, zu tun hat. Nun, wir befinden uns—historisch betrachtet—in der absoluten Hochzeit der Musikfestivals. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass sogar bei unseren Ländernachbarn in den Alpen eins nach dem anderem aus dem Boden schiesst wie Edelweiss zur Blütezeit. Das Snowbombing im österreichischen Mayrhofen ist allerdings gar kein so junges Festival—seit dem Jahr 2000 findet es statt und seit über zehn Jahren im idyllischen Zillertal. Jahr für Jahr wird diese 3800-Seelen-Gemeinde von über 6000 Partygästen eingenommen und fünf Tage lang der Boden zum Beben gebracht.

Abgesehen von den üblichen Partylocations, wie einem unterirdischen Club oder dem „Brückn Stadl" (Laut Veranstalter das „Berghain of Mayrhofen"—Spoiler: Hier ist niemand nackt!), werden hier natürlich die Vorzüge der alpinen Umgebung genutzt. Ob es nun ein abgelegener Wald am Fuße eines Berges ist, in dem The Prodigy spielen; der kleine Dorfplatz, der zur Streetparty mit Groove Armada umfunktioniert wird, oder die Arctic Disco, ein extra gebautes Iglu auf einem Gletscher, welches Fatboy Slim zum Schmelzen bringt.

Für die Artic Disco ging es hoch auf den Berg

Tatsächlich ist das komplette Snowbombing Festival nur für Hartgesottene: Zu dem ganz normalen Festivalalltag kommt offensichtlich noch das tägliche Gletscherküssen mit bevorzugten Brettern an den Füßen hinzu und da Mayrhofen nicht gerade flach ist, brauchst du einiges an Kondition, um überhaupt zur nächsten Location laufen zu können. Oder aber du nimmst eines der offiziell lizenzierten Snowbombing-Taxis, die neben den Skibussen so ziemlich die einzigen Vehikel auf der Straße sind. Taxifahrer, Restaurants, Souvenir-Shops, Hotels: Gerade diese Unternehmen dürften während dem Snowbombing wohl das Geschäft ihres Lebens machen.

Die 25-jährige Jasmin ist in Mayrhofen groß geworden und hat das Festival somit miterlebt, seitdem es im Zillertal stattfindet. Für sie und ihren Mann ist das Snowbombing eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres, da in seinem Bekleidungsgeschäft so zum Ende der Skisaison noch ein letztes Mal ordentlich die Kasse klingelt. Obwohl die Bewohner von Mayrhofen eigene Bändchen für das Festival bekommen, besucht Jasmin keine der Veranstaltungen. „Eigentlich gehe ich immer nur auf die Streetparty, das ist ja was für die ganze Familie." Und Recht hat sie: Vor allem nachmittags mischen sich viele Familien, teils mit Kindern, unter die Festivalgäste in der Dorfmitte.

Stil und gesunde Nahrung helfen einem, durch das Festival zu kommen

Mit fast schon spießig anmutender Normalität stechen die Anwohner aus dem restlichen Durcheinander heraus. Gerade in diesem Jahr ist der Kontrast besonders stark, denn für die Streetparty gibt es immer wieder Verkleidungsmotto: „Groove is in the Hof" gilt in diesem Jahr. Hippies, Ausdruckstänzer und menschliche Joints geben sich die Klinke in die Hand.

Am Rande der Party sitzt ein junger Mann in einem gestreiften Pimp-Anzug. Sein Name ist Chris und er ist das zweite Mal aus Großbritannien nach Österreich zum Snowbombing gekommen. „Letztes Jahr war ich mit Freunden da, aber dieses Jahr bin ich alleine gefahren. Ich treffe mich dieses Mal nur mit Menschen, die ich hier kennengelernt habe." Ob seine Freunde sich das Spektakel wohl nicht mehr leisten konnten? Hotel, Skipass, Reise, Festivalticket etc. sind schliesslich teuer. Chris zuckt mit den Schultern—es ist bezahlbar, findet er.

Die Mayrhofen-Besucher zwischen Skipiste und dem nächsten Rave

Aber stören sich denn die Anwohner nicht daran, dass eine Woche lang tausende betrunkene Briten durch die Straßen stolpern und „I'm getting fucking smashed, mate!" rufen? Als ich genau das am darauffolgenden Tag im Gemeindeamt erfragen möchte, werde ich höflich, aber sehr bestimmt abgewimmelt. Und Kritiker in der Bevölkerung finde ich keine—oder zumindest bleiben diese in ihren Häusern.

Es bleibt also nur zu vermuten, dass sich manche Anwohner hinter den Kulissen beschweren und es hin und wieder Stress mit den Behörden gibt. Nach außen hin ist das Bild so oder oder so ein anderes: Sogar die örtliche Metzgerei wird für eine Woche zum Trend-Fleischcafé, während „Hans Ze Butcher" für seine Gäste auflegt. Vom Dönermann zum Skilehrer scheint ganz Mayrhofen das Festival herzlich willkommen zu heißen.

Wenn du dich dann obendrein erst mal an die Gruppen betrunkener Briten gewöhnt hast, die ihre Liebe zum heimischen Fussballverein mit lautem Gröhlen und Singen darstellen, merkst du, wie friedlich das Festival eigentlich ist. Die Gastronomen haben English Breakfast mit Peppermint Tea inzwischen auch ganz gut drauf. Dieses kleine Dorf hat sich für fünf Tage im Frühling tatsächlich zu einem gigantischen, freundlichen Rave mit unvergleichbarer Aussicht verwandelt.

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