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      Institut für Zukunft: „Hier läuft kein Schubidu-Techhouse oder Rumpel-Techno"

      January 8, 2016 11:55 AM

      Vor einiger Zeit hat sich das deutsche Feuilleton mal wieder überlegt, eine Kontroverse zu starten und behauptet, Leipzig sei das neue Berlin. Einige sprachen danach nur noch von „Hypezig". Fernab dieser Welten gibt es tatsächlich einige interessante Entwicklungen in der Stadt. Das Institut für Zukunft (IfZ) gehört zu den interessantesten Clubs, die in dort in letzter Zeit entstanden sind. Er erinnert mit den angeschlossen Räumlichkeiten für Künstler an den Salon zur Wilden Renate, während er sich ansonsten inhaltlich und organisatorisch am ://about blank in Berlin orientiert. Wir sprachen mit den Betreibern über die Schwierigkeiten bei der Gründung, die linken Ideale und den Vergleich mit dem Berghain.

      Thump: Warum macht man einen Club auf?
      IfZ: Das Institut für Zukunft (IfZ) ist entstanden, weil die Freiräume in der Stadt immer weiter beschnitten wurden. Als wir vor etlichen Jahren hier hergekommen sind, war es noch so, dass es genügend leerstehende Gebäude gab, dass es möglich war, illegale Partys zu machen. Mit dem steigenden Zuwachs sind die Fabriken nicht mehr da, weil diese abgerissen werden, Lofts drinnen sind oder sich Nachbarn beschweren. Die Konsequenz war, dass sich ein Teil der Crews zusammengefunden hat, um sich einen eigenen Freiraum als Club zu schaffen.

      Wann wurde es konkret?
      Die anfängliche Crew aus sieben Leuten hat ab 2012 begonnen, Kontakt mit dem Vermieter und den ganzen Ämtern aufzunehmen. Als die Pläne genauer wurden, vergrößerte sich der Kreis. Wir haben überlegt, wie man das Geld dafür auftreibt und ein Crowdfunding gestartet. Im Sommer 2013 haben wir dann angefangen die Räume selbst auszubauen, obwohl wir alle totale Dilettanten sind (lachen). Wir sind ein paar Kids, die einen Club aufgemacht haben und uns jetzt alles selbst beibringen. Zum 1. Mai letzten Jahres haben wir eröffnet...doch es gab bürokratische Hürden. So richtig haben wir seit September 2014 auf.

      Das Crowdfunding war auch erfolgreich.
      Wir waren wie weggeblasen von den Reaktionen, die wir nicht nur in Leipzig oder Deutschland, sondern weltweit bekommen haben. Wir haben Platten nach Saudi Arabien verschickt, weil sie dort Leute über die Kampagne gekauft haben. Das war Wahnsinn, was das für eine Reichweite hatte. Und es hat geholfen, an Kontakte von Labels und Agenturen zu kommen. Doch dadurch wurden auch Erwartungen an den Club geschürt..

      Ihr habt darüber über 32.000 Euro gesammelt. Das reicht doch nicht, um einen Club aufzumachen?
      Das stimmt. Wir haben neben der Kampagne Deals mit privaten Geldgebern und Lieferanten ausgehandelt, die wir jetzt zurückzahlen. Durch das Crowdfunding wurde ein Teil der Kirsch Audio finanziert, die im großen Raum steht. Dass uns mit so wenig Geld gelungen ist, den Club schick zu machen—das ist uns auch erst nach einem Jahr gelungen. Jetzt haben wir eine gute Basis, aber da ist noch Luft nach oben.

      Aber warum soll ein Club schick sein?
      Insgesamt machen viele Leute mit, die einen ästhetischen Anspruch haben. Die Schallschleuse mit den Sitzgelegenheiten ist zum Beispiel schick, aber trotzdem puristisch und roh.

      Euch eilt der Ruf voraus, das „Berghain Leipzigs" zu sein. Wie kommt das?
      Zuerst einmal: Leipzig ist nicht Berlin und das IfZ nicht das Berghain. Es hat sich keiner von uns hingestellt und wollte das sein – das wäre anmaßend.

      Aber woher kommt der Vergleich. Liegt das an eurer Türpolitik?
      Es stimmt, dass wir am Anfang einige Leute weggeschickt haben. Wir hatten viel mit uns selbst zu tun, beginnend bei Arbeitsabläufen über Programmplanung und eben auch die Einlasspolitik. Das musste sich alles erst einpegeln. Ein anderer ein Faktor ist die Location an sich. Es ist alter Kühlraum, der seinen Industriecharme hat. Und wir stehen auf einen harten Sound, auch wenn wir versuchen, das aufzubrechen. Im unteren Floor, der ehemaligen Kühlkammer, läuft Techno, oben spielen wir House, aber auch andere Spielarten von Clubmusic.

      Es gibt ja nicht nur den Club, sondern einen Kulturverein und es werden Theaterstücke aufgeführt...
      Das IfZ ist eine Plattform. In den beiden oberen Stockwerken sind Büro, Künstlerateliers und -studios. Wir haben diese Räumlichkeiten, warum sollen sie nicht genutzt werden? Es gibt genügend freie Termine, Platz und Zeit für Konzerte oder Theater. Wir sind nicht nur nur ein Technoclub, auch der Kulturraum e.V. ist ein fester Bestandteil des IfZ. Dieser organisiert Diskussionen und Vorträge zu gesellschaftskritischen Themen. Das sind mehr oder weniger die gleichen Leute, aber der Verein handelt unabhängig vom Club. Uns ist es wichtig, Diversität zu schaffen, die über Musik hinausgeht.

      Und wie sieht das aus?
      Gerade lief eine Veranstaltungsreihe zu Übergriffen und Sexismus in linken Zusammenhängen und Partykontexten, aber auch Workshops zu queerem BDSM fanden bei uns statt. Wir ermöglichen sozialen Initiativen den Raum für Plena und Seminare zu nutzen und versuchen, entsprechend unseren Möglichkeiten, Flüchtlinge zu unterstützen. Das ist ein wichtiger Teil, der den Club ausmacht—es ist mehr als Feiern.

      Was hebt euch von anderen Clubs ab?
      Unser Schwester Club ist das ://about blank in Berlin und so ähnlich funktionieren wir auch. Wir sind kollektiv organisiert, Entscheidungen werden im Plenum getroffen und wir setzen auf Safer Clubbing. Das wird zwar oft auf Obstschnibbeln reduziert, doch dazugehört Aufklärungsarbeit über die Wirkung und Gefahren von Drogen und wie man sie besser nicht benutzen sollte, auch das zur Verfügung stellen von Safe-Sex-Utensilien ist ein Teil davon. Wir kümmern uns um Leute, falls sie nicht mehr Herr der Lage sind. Wir werfen sie nicht aus dem Club, sondern geben Hilfe, damit sie wieder klarkommen.

      Was meint ihr mit Schwesterclub?
      Es sind gute Freunde von uns, die uns beraten haben. Sie sind nicht direkt involviert, aber es findet ein ständiger Austausch statt. Wir versuchen aus ihren Fehlern zu lernen, damit wir sie nicht erst machen müssen – manche haben wir trotzdem gemacht. Doch das ://about blank war eine große Hilfe beim Strukturaufbau und den linken Anspruch, die sie haben, den haben wir auch.

      Wie äußert sich dieser Anspruch?
      Das fängt bei den Basics an: Leute, die Thor Steinar tragen (eine in der Neonaziszene beliebte Marke), kommen nicht rein und geht bei Frauenförderung weiter. Es ist bei uns mehr als nur gewünscht, dass Frauen auflegen. Unser Ziel ist Awareness, ein diskriminierungsfreier Raum. Unser Publikum hat ein Gespür dafür entwickelt und das klappt mit der Türe ganz gut. Sonst wird man als Frau manchmal komisch angemacht oder angerempelt, ich habe mich in Leipzig in einigen Clubs früher nicht so wohl gefühlt.

      Wie freizügig seid ihr?
      Es ist hier ein offener Raum. Es geht darum, mit Respekt umzugehen. Sexualität ist ein wichtiger Punkt bei Clubbing. Wir wollen einen Freiraum schaffen, um sich auszuleben, wie auch immer das aussehen mag. Das ist auch einer der Gründe, warum hier keine Fotos gemacht werden dürfen. Was hier drin passiert, bleibt hier drinnen. Zumindest in Leipzig ist das IfZ der einzige Club, der einen Darkroom hat.

      Ihr habt den Spruch „Another sound is possible", was meint ihr damit?
      Das bezieht sich auf die extra für den Raum gebaute Anlage von Kirsch, aber auch einen Sound zu pushen, der zumindest in Leipzig in der Form, zu der Zeit noch nicht da war.

      Wird hier viel Leipziger Sound gespielt?
      Wir haben in Leipzig einen riesigen Pott an Leuten, die gut sind. Man feiert, was die anderen herausbringen. Klar, ist die Techno-Hauptstadt der Welt nur 100 Kilometer entfernt, aber es wäre boring, immer nur Leute aus Berlin zu holen.

      Könnt ihr, was die Ausdauer angeht, mit Berlin mithalten?
      Unsere Erfahrung von Partys aus Berlin war, dass es sonntags erst richtig schön wird. Wir haben im IfZ ein paar Highlights, wie die „IO"-Veranstaltungen, die bis Montagmorgen um 2.00 Uhr gehen. Das klappt ganz gut, nur regelmäßig so lange zu machen, ist hier schwierig.

      Was hat man davor gemacht, wenn man in Leipzig Techno hören wollte?
      Man ist nach Berlin gefahren oder auf illegale Veranstaltung gegangen, aber das war irgendwann nicht mehr möglich, weil die Strafen immer höher wurden und vieles schnell aufgelöst wurde.

      Geht ihr dann noch feiern, wenn ihr im Clubbusiness arbeitet?
      Nach Berlin fährt man seltener, kaum noch. Aber viele aus der Crew arbeiten hinter der Bar oder legen auf.

      Schafft man eine Clubidentität, wenn ihr so viele Leute im Kollektiv seid, die einen anderen Sound hören?
      Uns ist die Musik, die wir lieben wichtig. Die ist vor allem elektronisch, aber es läuft auch Bass und Grime. Es gibt einen roten Faden. Hier läuft kein Schubidu-Techhouse oder Rumpel-Techno wie im Katerholzig. Um solchen Sound können sich andere kümmern.

      Konntet ihr bisher Impulse setzten?
      Leipzig ist immer noch eine 500.000-Leute-Stadt. Doch mittlerweile ist hier die Clubszene gut aufgestellt. Es war wichtig, dass wir aufgemacht haben—und dass fernab des Geldverdienens für uns der Sound im Vordergrund steht. Ob das die beste Idee war, wird sich noch zeigen. Das Publikum hat eine Vorstellung von dem, was sie hören wollen. In Leipzig ist es schwieriger als in Berlin. Du hast zwar auch für jeden Musikgeschmack etwas, aber auch wesentlich weniger Leute. Es sind zwar immer mehr Berliner, die zu uns kommen, doch viele Feiertouristen haben wir nicht, deshalb machen wir auch immer eine Sommerpause.

      Ihr habt das Gefühl, dass seit der Eröffnung des IfZ musikalisch in Leipzig nachgezogen wurde?
      Durch den Zuwachs der letzten Jahre sind ganze Viertel wiederbelebt worden. Immer wieder poppen kleine Läden auf. Dadurch merkt man eine Veränderung. Man merkt aber auch, dass manche Clubs jetzt ein ähnliches Booking haben. An Semi-Underground Clubs gibt es hier nur das Distillery und uns. Conne (Conne Island) ist ein breit aufgestelltes Kulturprojekt mit Fokus auf Konzerten, die auch gute Clubpartys im Programm haben. Es ist eine permanente Veränderung.

      Rentiert es sich, einen Club im Kollektivbetrieb aufzuziehen, wenn alles über unzählige Abstimmungen läuft?
      Am Anfang haben wir versucht, alles offen zu gestalten. Das war schwierig. Umso spezifischer die Aufgaben wurden, mussten Deadlines einhalten werden. Das kann nicht wie ein Hobby behandelt werden, da hat sich herauskristallisiert, wer 100 Prozent gibt und wer das nur nebenbei macht.

      ...und wie man aufteilt?
      Jeder könnte sich verwirklichen. Es ist am Ende ein guter Mittelweg geworden. Was die betriebswirtschaftlichen Entscheidungen angeht, haben wir jetzt eine klare Entscheidungsstruktur: Das macht das Büro, aber es wird den einzelnen AGs Entscheidungsgewalt gegeben.

      Habt ihr Pläne für die Zukunft?
      Wir sind erst in der zweiten Saison. Jetzt wollen wir erst mal die verschiedenen Veranstaltungsreihen wie „Cry Baby", „Aequalis" oder die „Support:Party" ausbauen. Auch der Krev hat schon eine neue Veranstaltungsreihe zu Migration in der Pipeline. Aber wir denken auch an ein Festival für experimentellere Kunst- und Musiksachen, mal sehen. Das sollte aber kein durchgesponsortes Ding wie das Popkultur sein, sondern mehr Subgenres aufgreifen, wie bei Unsound oder CTM.


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      Demnächst: Wir waren in Leipzigs ersten Technoclub mit Darkroom.

      Fotos: Natalie Mayroth / Presse IfZ

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