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Ich durfte nicht zum DJ-Set von Paris Hilton, weil ich wie eine Lesbe aussah

Mein Herz schlug wie wahnsinnig. Passierte das gerade wirklich?

Lindsey Leonard

Beim jährlichen Exzess der US-amerikanischen Musikindustrie, auch bekannt als „Art Basel", gibt es drei Arten von Partys. Die Partys, von dene du wusstest, die Partys, von denen du erst im Nachhinein erfahren hast und die Partys, bei denen du warst. In diesem Jahr gab es ein DJ-Set, auf das ich mich besonders gefreut hatte: das von Paris Hilton in der Wall Lounge des W Hotels. Ich war schon immer ein Riesen-Fan von Paris Hilton. Ihre lasziv-müden Augenlider und das Bad Girl-Gehabe haben mein Herz schon im Teenageralter erobert und ich konnte diese Leidenschaft nie wirklich ausleben. Vor allem wollte ich sie endlich mal am DJ-Pult sehen. Ich wollte sie erleben, wenn sie einmal nicht im blöden Blondchen-Modus feststeckt, das die Marketingleute ihr auf die Stirn getackert haben.

Paris Hilton wird immer schon für ihren Lebenswandel kritisiert, jetzt regen sich natürlich auch alle über ihre DJ-Sets auf. Ich finde es mutig, dass sie sich dieser Kritik offen aussetzt-um das tun zu können, woran sie Spaß hat, wofür sie brennt. Mit einem Handstreich haben die Medien ihre Ambition weggewischt, sie haben einseitig und sexistisch argumentiert. Ich wollte hinter ihre Partygirl-Maske sehen, ich wollte Paris verstehen als eine Frau mit Interessen, Zielen und Wünschen. Paris Hilton sollte die Berichterstattung bekommen, die sie verdient. Ironischerweise war ausgerechnet ich diejenige, die an diesem Abend vorverurteilt und abgekanzelt wurde.

Bevor ich in das Taxi zum W Hotel stieg, habe ich noch schnell geduscht und dann dieses eine Outfit rausgesucht, auf das ich mich schon seit einer Woche gefreut hatte. Ich kleide mich immer außergewöhnlich. Zu meiner Schulzeit habe ich schon gerne meine Mutter mit meinen Jeans-Outfits irritiert. Inzwischen gehe ich lieber im Sporty-Spice-Style oder ich wähle Dad-Core-Hawaii-Hemden. Kleidung ist eine Waffe-eine kommunikative Form der Selbstdarstellung, weil sie zugleich zum Dialog über die Outfit-Auswahl einlädt. Für die Paris-Hilton-Party fiel meine Wahl auf Leggins und ein dazu passendes T-Shirt, alles komplett bedruckt mit der „Sternennacht" von Van Gogh. Jeder mag gute Kunst-Witze, oder? Außerdem sah mein Arsch darin großartig aus.

Also habe ich mich parfümiert, meine Igel-Frisur gebaut, Ohrringe gecheckt und raus ins Taxi. Die Akkreditierung für den Abend hatte ich natürlich voher schon eingetütet und ich war froh, als ich schon recht früh am Hotel ankam. Ich frage also den Pagen, wer die Gästeliste macht. Er meinte, er kümmere sich darum, ich solle kurz zur Seite treten und warten. Dann kam ein großer Glatzkopf auf mich zu und musterte mich von oben bis unten:

„Wenn du hier rein willst, wirst du heimgehen und dir was anderes anziehen müssen", sagte er. Ich verstand das nicht. Ich sah doch großartig aus! Außerdem... Ich war Presse. „Oh, also ich werde nicht in der Crowd rumhüpfen und stören. Ich schau mir nur das Set von Paris an und schreibe darüber", versuchte ich ihm zu erklären. Er schnaubte. Seine nächsten Worte richtete er langsam und eindringlich an mich: „Mit dieser Kleidung kommst du hier nicht rein. Wenn du rein willst, schlage ich vor, du gehst jetzt nach Hause, ziehst dir ein Kleid und hohe Schuhe an-und dann werden wir sehen."

Mein Herz schlug wie verrückt. Passierte das gerade wirklich?

Ich drehte mich wütend um, ging, und weinte den ganzen Weg bis Miami Beach. Es ist wirklich schon lange her, dass mir jemand sagte, ich sei nicht willkommen. Ich hatte mich einfach schon zu sehr an die Freaks (meine Freunde) gewöhnt, die immer alles im Griff haben und sich um mich kümmern. Plötzlich fühlte ich mich hässlich und dumm und ich fragte mich, ob meine Kleidung für die VIP-Crowd zu sportlich war oder ob ich irgendwie lesbisch auf sie gewirkt habe-vielleicht weil ich lesbisch bin. Ich werde es nie erfahren. Ich möchte glauben, dass ersteres der Fall war, aber es wäre andererseits nicht die erste Diskrimierung, die ich in Miami erlebt habe. Fast jedes Mal, wenn ich in einen Club oder in eine Bar gegangen bin, sagte mir irgendein Angestellter, wie ich auszusehen oder mich zu verhalten hätte. Auch wenn es vielleicht nicht wahr ist, war auch in der Paris-Hilton-Situation mein erster Gedanke: „Ich kann nicht glauben, dass ich gerade nicht reingekommen bin, weil ich wie eine Lesbe aussehe."

Lindsey Leonard (links) beim Art Basel Miami

Schillernde Clubs werden auf dem Grundstein von Exklusivität gebaut, sogar schwul-lesbische. Häufig werden diejenigen aussortiert, die falsch aussehen. Und machmal macht sich „falsch" an der Hautfarbe oder sexuellen Orientierung fest. Trotzdem war ich geschockt, dass diese dumme Tradition an einem so schönen Ort wie South Beach immer noch fortgeführt wird.

Am nächsten Abend passiert bei der „Bushwick Gone Basel"-Party etwas ganz ähnliches. Ziemlich viele meiner Freunde aus Brooklyn waren da, viele davon schwullesbisch, alle großartig. Als Neocamp, das gälische Sweetie, die Bühne eroberte, nahm ich einen Stimmungsumschwung wahr. Meine Leute aus Brooklyn johlten vor Liebe, aber die Mitarbeiter vom Club und ihre Stammgäste wurden immer grimmiger. Ein paar von ihnen murmelten „Schwuchtel" und gingen nervös in Richtung Bar. Daraus entstand ein Streit zwischen zwei Stammkunden, und es war kurz, als hätte jemand auf die Party-Pausetaste gedrückt. Die Clubbesitzer schalteten die Musikanlage aus und baten uns, den Club zu verlassen.

Den Einlass wegen deines Aussehens verwehrt zu bekommen, ist ungefähr das schlimmste Gefühl der Welt, egal warum genau. Für diese Menschen repräsentiere ich das Unbekannte-das haben sie gespürt und mich abgeschaltet. Wenn wir an den alten Ideen von Männlichkeit und Weiblichkeit festhalten, verliert unsere Kultur ihre pulsierende Energie.

Ich bin jetzt wieder in Brooklyn, ich hab Spaß. Ich lebe in einer Welt, die mir gefällt. Und ich habe keine Angst, auch mal wieder das Van-Gogh-Shirt anzuziehen.

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