Diana Ross dancing at Studio 54, c 1979 in New York City. Photo by Sonia Moskowitz/Getty Images.

Die kuriosesten Tanzverbote in der Geschichte der USA

Seit der Erfindung von Disco, House und Techno werden Partys und Tanzen versucht einzuschränken – oft auf sehr eigenartige Weise.

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März 8 2017, 3:59pm

Diana Ross dancing at Studio 54, c 1979 in New York City. Photo by Sonia Moskowitz/Getty Images.

Diana Ross tanzt im berühmten Studio 54. Foto von Sonia Moskowitz/Getty Images

Dieser Text erscheint als Teil unseres internationalen Spezials "Dancing VS the State". Dafür blickt THUMP eine Woche lang in den USA, UK und Deutschland darauf, wie Staaten versuchen, elektronische Musik zu beschneiden und zu regulieren, und wie sich die Szene politisch positioniert.

Das Verhältnis der USA zum Tanzen ist kein Einfaches. Die Geschichte des amerikanischen Nachtlebens quillt geradezu über vor Vorgaben und Regelungen, die nichts anderes zum Ziel haben, als die beliebte Freizeitaktivität im Zaum zu halten. Im hyperchristlichen Amerika des 19. Jahrhunderts war selbst ein züchtiger Paartanz in diversen Städten und Dörfern nicht erlaubt. Noch weit bis ins 20. Jahrhundert hinein war an gleichgeschlechtliche Tanzübungen in der Öffentlichkeit nicht zu denken. Bis heute existieren Gesetze wie das Cabaret Law in New York, das seit seiner Verabschiedung 1920ern bei Gelegenheit immer wieder in Anspruch genommen wurde, um Nicht-Weiße und Menschen der LBTQ-Gemeinschaft ins Visier zu nehmen. Bei einer Betrachtung der Fälle, in denen Gesetz und Tanzvergnügen aufeinanderstoßen, wird schnell klar, dass es sich meistens um Versuche handelt, Sexualität zu kontrollieren und marginalisierte Gruppen zu unterdrücken.

THUMP hat die absurdesten und weitreichendsten Beispiele amerikanischer Gesetzgebung gegen das Feiern rausgesucht. Die Gesetze sagen viel über die Moralvorstellungen und Vorurteile der jeweiligen Zeit aus.

1845

Die baptistische Baylor University öffnet im Bundesstaat Texas ihre Pforten mit einem rigorosen Tanzverbot, das für das ganze Campusgelände gilt. Wie viele andere strenge Baptisten zu der Zeit sieht auch die Universitätsleitung im Tanz nur Sünde. Es sollte 151 Jahre bis zur Aufhebung des Verbots dauern. Als Universitätspräsident Robert Sloan Jr. die Regelung 1996 schließlich für ungültig erklärte, warnte er die Studierenden eindringlich, nichts "Obszönes oder Provokatives" zu tun.

1917

Wie die Tageszeitung The Day berichtet, schließt die Kommission für öffentliche Sicherheit in Minneapolis alle Kabarettbühnen und 43 Saloons der Stadt. In dieser Zeit steht "Kabarett" für jedes Lokal, in dem Auftritte – wie Musik und Tanz – vor sitzenden Zuschauern aufgeführt werden. Das Publikum selbst darf nicht tanzen und es ist illegal, Alkohol an Frauen zu verkaufen. Wenn ein Mann ein Bier kauft und es mit seiner Frau teilt, kann er dafür bestraft werden.

1925

Zur Blütezeit des Jazz verabschieden eine ganze Reihe Bundesstaaten sogenannte Sonntagsgesetze. Diese verbieten gewisse Tätigkeiten am Sonntag, wie etwa den Verkauf von Alkohol. Manche dieser Regelungen gelten heute noch. Besonders streng geht es in Atlanta zu, wo ein Gesetz das "Tanzen an öffentlichen Orten am Tag des Herren ... verbietet", wie es in einer AP-Meldung von 1967 heißt. Diese Gesetze kamen im 20. Jahrhundert immer wieder zum Einsatz – besonders in den 1960er Jahren.

1926

In New York wurde 1926 während der Prohibition ein Gesetz verabschiedet, das jedes öffentliche Lokal, das Essen oder Getränke anbietet, dazu verpflichtet eine "Kabarett Lizenz" zu erwerben, damit die Gäste dort tanzen dürfen. Offiziell sollten damit die sogenannten Speakeasies bekämpft werden – Bars, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wurde – , allerdings war die Lizenz unfassbar schwierig zu bekommen und darüber hinaus sehr teuer. Die Gesetzgebung drosselte New Yorks ohnehin schon trockengelegtes Nachtleben und wurde besonders strickt gegen Bars durchgesetzt, die vor allem Nicht-Weiße frequentierten. Die Regelung, die oft als "Kabarett-Gesetz" oder "No-Dancing Law" bezeichnet wird, gilt auch heute noch. Über die Jahre wurde sie mit schwankender Intensität durchgesetzt.

Increase Mather, ein einflussreicher Pfarrer in Boston, verfasste 1684 eine der frühsten Publikationen über die Sündigkeit des Tanzens. Foto mit freundlicher Genehmigung der New York Public Library

1943

Ab 1943 brauchen alle Musiker, die in New York City auftreten wollen, eine sogenannte "Kabarett Karte". Die Behörden haben allerdings kein Problem damit, diese zu verweigern oder spontan wieder zurückzuziehen. Einer ganzen Reihe berühmter Jazzmusiker, darunter Thelonious Monk, Billie Holiday und Chat Baker, wird ihre Kabarett Karten zu dieser Zeit entzogen. Historiker nennen diese Praxis später als einen der Hauptgründe für New Yorks schwächelnde Jazzszene in den 1940ern. Die Kabarettkarte wurde von der Polizei auch dazu eingesetzt, um gegen afroamerikanische Musiker vorzugehen. Die jungen Jazzer gelten in diesen Jahren als "Anti-Establishment".

1953

1953 unterschreibt US-Präsident Dwight Eisenhower ein Dekret, das Homosexuellen eine Beschäftigung im öffentlichen Dienst verbietet. In der anschließenden Phase der homophoben Hysterie ­– auch bekannt als "Lavender Scare" – führt das FBI eine Liste homosexueller Amerikaner, die bei der Polizei durch illegale Aktivitäten wie Zusammenleben und Küssen in der Öffentlichkeit auffällig geworden waren. Gleichgeschlechtliches Tanzen ist in dieser Zeit als öffentliche Zurschaustellung von Homosexualität ebenfalls verboten. Clubs, die heimlich LGBTQ-Veranstaltungen durchführen, schalten bei Polizeirazzien ein rotes Licht an, damit die Gäste noch schnell zu einem Tanzpartner des anderen Geschlechts wechseln können.

1960er

Auch wenn Schwulenbars in New York technisch gesehen nie illegal waren, machten Ausschankgesetze, die bis zurück in die 1920er reichen, diese Lokale für die Behörden zu einem leichten Ziel. In den 1960ern deutet die Polizei die Regelung gegen "unziemliche" Etablissements in "Lokale, die von Homosexuellen frequentiert werden" um und erschwert unter diesem Vorwand LQBTQ Bars und Clubs das Leben.

1980

In dem abgelegenen, christlichen Städtchen Elmore City im Bundesstaat Oklahoma ist Tanzen seit 1898 aus moralischen Gründen strengstens verboten. 1980 initiierten Schüler der Elmore City High School einen Antrag zur Aufhebung des Verbots. Wie andere Schulen wollten auch sie einen Abschlussball feiern. Die religiösen Führer der Gemeinschaft äußerten große Einwände. Ein gewisser Reverend F.R. Johnson von der Kirche eines benachbarten Ortes wird im People Magazine wie folgt zitiert: "Nichts Gutes ist jemals vom Tanzen gekommen. Wenn Sie einen Tanz veranstalten, wird jemand Uneingeladenes kommen und nur zwei Dinge im Sinn haben: Frauen und Alkohol. Wenn Jungen und Mädchen einander festhalten, werden sie sexuell erregt. Sie können denken, was Sie wollen, aber eins führt zum anderen." Die Schüler setzten sich am Ende durch und der Abschlussball fand statt. Der Vorfall inspirierte auch den 1984 erschienen Kultfilm Footloose mit Kevin Bacon.

1983

Nachdem sich 23 Studenten bei einem Dead Kennedys-Konzert verletzen – darunter auch ein gebrochener Knöchel –, verbietet die University of Minnesota "Slam Dancing" auf dem Campus. In einem Artikel zu dem Vorfall beschreibt die Presseagentur AP die Konzertpraxis, die man heute eher als Moshen oder Pogen kennt so, dass Konzertbesucher "gegeneinander auf die Körper einschlagen, von Bühnen und Balkonen springen und sich sogar gegenseitig mit Rasierklingen und Messern schneiden." Auch wenn Moshen die 1980er und 90er hindurch durchaus umstritten war, gab es nur sehr wenige Versuche, die Praxis generell zu verbieten. Stattdessen sprachen sich Musiker immer wieder selbst dagegen aus. Die Smashing Pumpkins verurteilten Moshen öffentlich, nachdem ein Mädchen 1996 bei einem ihrer Konzerte ums Leben gekommen war.

Foto: Ted Van Pelt, Flickr, CC BY 2.0

1987

Mikell's, ein altgedienter New Yorker Jazzclub, wird vorrübergehend geschlossen, als die Polizei mehr als drei Musiker auf der Bühne entdeckt. Die Cabaret Laws sind in der Ostküstenmetropole immer noch gültig, aber im Laufe der 80er wurden sie entsprechend geändert, so dass Auftritte mit bis zu drei Musikern auch ohne Lizenz erlaubt sind. Laut der New York Times grassiert zu jener Zeit ein solches Vorgehen der Behörden. Jazzmusiker geben der Stadt sogar den Spitznamen "Trio City".

1994

Auch das kleine Städtchen Trumann im Bundesstaat Arkansas hebt sein 21 Jahre altes Tanzverbot in Lokalen auf, die Alkohol ausschenken. Derartige Gesetze wurden oft auf lokaler Ebene verabschiedet. In den 1990ern heben die meisten Bezirke sie endlich auf oder hören auf, sie durchzusetzen.

1997

In der Hochphase seines Amts als New Yorker Bürgermeister schwört Rudy Giuliani, die Stadt nach seiner berüchtigten "Broken Windows"-Strategie aufzuräumen. Selbst Kleinstvergehen wurden rigoros verfolgt. Dazu erweckt er auch die Cabaret Laws wieder zum Leben, die zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr zum Einsatz gekommen waren. 1997 wird die legendäre Bikerbar Hogs and Heifers dicht gemacht, weil Barkeeper auf dem Tresen tanzen. Die Betreiber machen daraufhin "No Dancing"-Schilder und verteilen sie im ganzen Laden. Die Schilder sind heute eine Ikone des New Yorker Nachtlebens unter Giuliani.

2006

Innerhalb eines Monats finden Polizeirazzien in mehreren Clubs in Manhattan statt. Fünf Läden müssen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz schließen. Clubbesitzer, die durchaus sensibel für das periodische Vorgehen der Behörden gegen ihre Läden sind, sehen darin ein konzentriertes Durchgreifen gegen das Nachtleben. Die Stadt bestreitet das und sagt in der New York Times, dass die Razzien aufgrund von Anwohnerbeschwerden durchgeführt wurden.

2015

Die Polizei von San Francisco versucht gegen illegale After-Hour-Clubs vorzugehen, nachdem Anwohner im Excelsior District begonnen hatten, sich über Partys in verlassenen Ladenlokalen zu beschweren. Die Behörden sehen sich einer aufkeimenden "Pop-Up-Club"-Szene gegenüber, die illegale Raves in leerstehenden Gebäuden veranstaltet. Da es keine direkte gesetzliche Handhabe gegen diese Art von Veranstaltungen gibt, werden Betreiber oft für andere Vergehen wie unerlaubten Alkoholverkauf haftbar gemacht.

2017

Nach dem tödlichen Feuer im DIY-Club Ghost Ship in Oakland im Dezember 2016 hat die örtliche Polizei eine Verordnung erlassen, die Beamte dazu anhält, jede illegale Party ihren Vorgesetzten zu melden. Seit dem Feuer befürchten viele DIY-Clubbetreiber und Veranstalter in den USA, von den Behörden geschlossen zu werden. THUMP verfolgt diese Entwicklung. Mehr über das laufende Projekt findest du hier.

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