Warum David Guetta nicht Bob Dylan ist und Martin Garrix nicht Frank Ocean

Wir haben angesichts des Tamtams um die heutigen Verleihung der DJ-Mag-Awards mal über den Tellerrand geblickt.

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Okt. 19 2016, 10:45am

Vieler Männer, viele Preise ... aber wollen sie die überhaupt? Bildmontage*

Das Telefon klingelt, doch niemand geht ran. Immer und immer wieder. Wer am anderen Ende der Leitung nicht abhebt? Nicht der Rundfunkservice der Öffentlich-Rechtlichen, sondern Bob Dylan. Das Nobelpreis-Komitee versucht Berichten zufolge seit Tagen, den Preisträger in spe zu erreichen, vergeblich. Auch Frank Ocean sind Awards offenbar egal, denn er hat die Frist zur Anmeldung für die Grammy Award offenbar absichtlich verstreichen lassen.

Fans elektronischer Musik kennen dagegen ein ganz anderes Phänomen: Die DJ-Mag-Awards, die heute im Rahmen des Amsterdam Dance Event (ADE) vergeben werden. Jeder, der in der EDM-Szene etwas auf sich hält—und das sind nicht wenige— will sie. "Show your Love and Vote 'Dimitri Vegas & Like Mike' on DJ MAG Top 100" schreiben die Gewinner des Awards für den besten DJ 2015 zum Beispiel. Martin Garrix wurde 2014 Vierter, für ihn die Erfüllung eines Lebenstraums:

Hardwell mobilisierte für das diesjährige Voting bis zum Poll-Ende vor einigen Wochen wirklich alle Fans: "HALLO DEUTSCHLAND!! Last hours to vote for the DJ Mag!" Aber auch andere EDM-Zeitgenossen machten noch mal einen letzten Aufruf, bevor die Voting-Maschine abhebt. David Guetta und Armin Van Buuren ließen sogar Videos erstellen, um ihre Fans zum Gang an die digitale Wahlurne zu überreden. Der Gewinn des DJ-Mag-Awards scheint so wichtig, dass es immer wieder Behauptungen gibt, dass ganze DJs ganze Click-Armeen einkaufen, um für sie abzustimmen.

Da stellt sich die Frage:

Warum sind Bob Dylan und Frank Ocean nicht derartig erpicht auf eine bekannte Auszeichnung, während alle großen EDM-DJs sie mit allen Mitteln anstreben?

Die Antwort findet sich im monetären Bereich. Die Maschinerie im EDM-Bereich läuft auf Hochtouren. Für jeden DJ und dessen Crew von Marketingleuten gilt es, im Konkurrenzkampf zu triumphieren. Wer sich die Auszeichnung des größten (aber nicht unbedingt besten) Magazins für elektronische Musik holt, kann damit werben. Und entsprechende Aufkleber auf die Stoßstange des Tourbusses kleben.

Zwar unterliegt jeder Künstler ökonomischen Zwängen, jedoch heißt das nicht, dass man die Maschinerie auch noch mehr befördern muss als notwendig. Bob Dylan hat sich der totalen Kommerzialisierung meistens verweigert. Wenngleich das paradoxerweise unter anderem sein Erfolgsgrund war. Außerdem konnte er es sich auch relativ früh leisten konnte, zu bestimmten Sachen Nein zu sagen.

Mit Frank Ocean verhält es sich ähnlich. Ihm geht es auch um seine Unabhängigkeit, vor allem die musikalische. Die hat er erreicht, seit er Def Jam kein Album mehr schuldig ist und seine Musik nun selbst vertreibt. Die Nachricht, dass er sich nicht für die Grammys angemeldet hat, war zudem vermutlich ebenso gute Promotion wie der Gewinn der Awards.

Ist die Geilheit auf Awards abhängig vom Genre? Vermutlich verhält es sich anders. EDM ist Pop—und dort wo Pop ist, lässt sich am meisten Profit machen, dementsprechend wichtiger sind Awards als vermeintliches Gütesiegel. Sie stehen nicht mal annähernd für künstlerische Qualität, sondern für die beste Show, für Spektakel ohne Substanz. Und dort, wo all das geboten wird, lässt sich momentan das meiste Geld im Musikbusiness verdienen.

Frank Ocean und Bob Dylan sind lediglich Ausnahmen und zugleich dennoch Teil eines ökonomischen Verwertungsprozesses, der sich nicht auf einzelne Akteure reduzieren lässt. Trotzdem zeigen sie, dass man nicht jeden Quatsch mitmachen muss. Selbst wenn es einen Award zu gewinnen gibt.

Daher bleibt zu hoffen, dass Bob Dylan weiterhin die Anrufe des Nobelpreis-Komitees ignoriert. Denn wie es in einem Kommentar der FAZ treffen heißt, ist der Award nicht gegenüber der Literatur unangemessen sondern gegenüber Dylan: "Ihn jetzt für seine Texte zu ehren, verkleinert den Mann, wo es ihn doch eigentlich vergrößern will - denn was Dylan macht, was er umsetzt und freisetzt an künstlerischer Energie, speist sich nicht aus Worten allein und geht gleichzeitig weit über sie hinaus."

Empören solltest du dich vielleicht erst dann, wenn Dimitri Vegas & Like Mike den Nobelpreis für was auch immer bekommen.

*Frank Ocean: imago/Zuma Press; Bob Dylan: Promofoto/MLK; David Guetta: Ausschnitt aus Screenshot Facebook.com/David Guetta

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