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      Wie ich in das Herz der Gabber Nation vordrang

      September 27, 2016 12:55 PM

      Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben, von der Autorin

      Gabber ist eine der besten und härtesten Musiken der Welt. Und sie ist unauflösbar mit den Niederlanden verbunden. Es ist Sommer und ich bin hier, in Friesland, auf der Suche nach den Ursprüngen einer der traditionsreichsten Gabber-Szenen. Was hat mich hier hin gebracht?

      Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich als Künstlerin mit extremen Sub- und Jugendkulturen, die ich auf ihre politischen Potentiale und Formen von Radikalisierung hin untersuche. In meiner ehemaligen Heimat Sachsen gibt es eine teilweise rechte Gabberszene, die mich schon lange interessiert hat, und deren Urspünge ich hier nun erkunden will. Ich will herausfinden, was Gabber im Innersten zusammen hält—und in diesen Kern vordringen, ein Teil werden.

      Das Kunsthuis SYB hat mich zu einer Artist Residency im beschaulichen Beetsterzwaag eingeladen. Nur 20 km entfernt, in Heerenveen, fand 1992 die erste der legendären, die Szene wie keine zweite prägenden Veranstaltungen namens Thunderdome statt. Vor mir liegen 40 Tage in der Provinz. Ausgestattet mit Material aus dem Berliner Archiv der Jugendkulturen, der Masterarbeit der Anthropologin Bianca Ludewig, einer Handvoll Verbündeter und guten Kopfhörern kann das Experiment beginnen.


      Das Logo zum Film Mad Max Beyond Thunderdome

      Auf der Suche nach den Ursprüngen der Thunderdome sehe ich mir mit meiner Kollegin Merle Vorwald an mehreren verregneten friesischen Abenden sämtliche Mad Max-Teile an. Im Dritten der Filmreihe, Mad Max Beyond Thunderdome, ist nicht nur Tina Turner in einer grandiosen Rolle zu sehen, sondern auch das, was wir als die architektonische Urmutter aller Thunderdomes vermuten. Nur um dann später aus einem Buch zu erfahren, dass Irfan van Ewijk, Duncan Stutterheim und Theo Lelie, mit ihrer Firma ID&T die Macher des ersten Thunderdome-Raves 1992, sich nicht auf die Filme bezogen, sondern mithilfe eines Wörterbuchs nach einem „coolen Namen" gesucht hatten.


      Etwas entzaubert suche ich trotzdem weiter nach den versteckten Spuren des Gabber in Friesland. Zwar ist die Musikrichtung in Rotterdam entstanden, sie hat jedoch in Friesland seit der ersten Thunderdome eine große und treue Anhängerschaft. Und noch immer kommen hier aus fast jedem vorbeifahrenden Auto mit getönten Scheiben harte und schnelle Beats. Auch die gigantische Hardstyle-Veranstaltung Defqon.1 findet in der nahegelegenen Provinz Flevoland statt. Durch einen Kontakt kann ich spontan noch ein Bändchen für das ausverkaufte Megafestival bekommen. Ein Rave-Bus sammelt mich im Nachbarort Drachten ein.


      Im Vorfeld hatte ich mich gefragt, ob das Festival so sein wird wie auf den aufwändig produzierten Aftervideos mit lila Himmel und Feuerwerk, oder eher wie auf den vielen Handyvideos im Netz, mit strömendem Regen und zuckenden Grimassen. Es regnet dann tatsächlich fast den ganzen Tag wie aus Eimern, und statt der vielen schönen Australia-Tracksuits und Thunderdome-Shirts sind bald nur noch gelbe Regencapes zu sehen. Doch Marc Acardipane, der Urvater des Hardcore Techno, lässt mich mit seinem Set den friesischen „Sommer" vergessen.


      Es folgt die Recherchereise zur Thialf-Arena in Heerenveen, einem Eisstadion und Schauplatz der ersten Thunderdome. Dort gibt es allerdings keine Donnerkuppel zu sehen, sondern nur eine Baustelle. Da das Pressebüro geöffnet ist, kann ich Archivmaterial sichten und so einiges über die Geschichte des Speed-Skating bzw. Eisschnelllaufs in Friesland erfahren. Geschwindigkeit hat hier Tradition!


      Video: Boris Postma

      Am zehnten Tag reist mein Kollege, der Fotograf Boris Postma, an, mit dem ich einige Streifzüge durch das „friesische Disneyland" Beetsterzwaag unternehme. Boris ist in Bloomendaal bei Amsterdam aufgewachsen und seit seinem 11. Lebensjahr begeisterter Gabber. Zu Beginn sind wir noch auf der Suche nach verlassenen Ruinen, dystopischen Orten oder irgendwelchen Spuren von jeglicher Subkultur, doch wir müssen uns schnell an die Gegebenheiten anpassen. Die Apokalypse in einer aggressiv friedlichen Umgebung wie dieser kommt nicht in Form von Zerstörung, sondern in lebloser, beklemmender Perfektion. Wir fühlen uns wie die letzten Menschen auf der Erde und streifen tagelang durch gepflegte, leere Straßen.


      Unsere Spaziergänge nutze ich, um Boris über seine Gabber-Sozialisation auszufragen. Ich bin als Außenstehende ins Gabber-Territorium gekommen, will möglichst viel erfahren. Boris' Antworten zerschlagen viele meiner Vorurteile. Während es beispielsweise im Osten Deutschlands und im Ruhrgebiet nach wie vor aktive rechte Gabberbewegung gibt, kann ich derartiges auf meiner Reise nicht entdecken. Was ich vorfinde sind Erzählungen über eine offene, postive Szene—und Menschen, die große Lust haben, mir über ihre Erfahrungen zu berichten.


      Foto: Boris Postma

      Gespräche mit den Locals werden nun immer mehr zu einem Herzstück meiner Recherche. Nicht nur die Gabbers der ersten, zweiten und dritten Generation haben Geschichten von Raves und Pillen zu erzählen, auch die Elterngeneration rückt nach und nach mit Erinnerungen an schlaflose Nächte in Sorge um den Nachwuchs heraus. Gewollt oder nicht scheint jeder einzelne Nachbar eine Geschichte über Gabber erzählen zu können.


      Da sind zum Beispiel die beiden Gabber-Natives Daria und Arjan. Sie haben sich auf dem Dominator-Festival kennengelernt, wo sie über Thunderdome-Wizard-Tattoos ins Gespräch kamen. Arjan ist in Beetsterzwaag aufgewachsen. Auf den Spuren ihrer Jugend führt uns Arjan uns zu einem nahgelegenen Pavillon: „So einen haben wir mal in die Luft gesprengt."

      Das Video der besagten Pavillon-Explosion von 2007 ist noch immer auf Youtube zu sehen. Der kurz zuvor aus Amsterdam angereiste Künstler Johannes Büttner—selbst Bombenbastler—entwickelt auf Basis der Bilder eine Video-Sound-Installation, die während der Ausstellung später im ganzen Gebäude zu hören sein wird. Unsere Umdeutung ihrer Subkultur in einem Kunstkontext löst bei den lokalen Gabbers Verblüffung aus. Hatten sie in ihrem feinen Gespür doch längst erkannt, dass Explosionen das Leben an einem Ort wie diesen erst möglich machen.


      Foto: Boris Postma

      Oder wie einer der Jungs, der bei der Explosion des Pavillons dabei war, es in einem Gespräch auf den Punkt bringt: „Peace has to be disturbed to find peace again."


      Die größte Herausforderung erwartet mich nach der Abreise von Merle, Johannes und Boris: Eine Woche alleine in der schreienden Stille des Hauses. Als geeignete Gegenmittel erweisen sich die treuen Bretter von erneut Marc Acardipane und Liza 'N' Eliaz. Zudem entdecke bei einem Ausflug zum Strandbad eine wahrhaftige Donnerkuppel.


      Zum Glück kehrt der Krach wieder ein, als die Gruppenausstellung näher rückt. Mit einem Schlag ist das Haus voll. Der Berliner Musiker und Sozialarbeiter Bastian Hagedorn, mit dem ich bereits seit Jahren ein Gabber-Projekt machen will, hat, kaum angekommen, schon den Keller entkernt und den legendären Berliner Bunker nachgebaut—reduziert auf das Wesentliche: Nebel, Strobo, Bass.


      Trotz der Abgeschiedenheit hält jeder Tag ein Abenteuer bereit. Wir erfahren, dass Rutger Hauer, der den Replikant Roy in Blade Runner spielt, auch in Beetsterzwaag wohnt, nur wenige Häuser weiter. Selbstverständlich werfen wir ihm eine Einladung in den Briefkasten. Von da an hoffen wir bei jedem der täglichen Regengüsse, Roy würde vor der Tür erscheinen.


      Die Gabber Nation-Materialsammlung ist inzwischen beachtlich gewachsen. Nicht nur haben uns lokale Gabber-Veteranen ihre Flyer-Sammlungen zur Verfügung gestellt, am Tag der Eröffnung kommt auch das für die Ausstellung von Tea Palmelund produzierte KERN ZINE in Beetsterzwaag an.


      Foto: Boris Postma

      Kurz vor der Eröffnung reist auch Boris noch mal an. Mit seiner Hilfe und Objekten aus seinem alten Zimmer bauen wir gemeinsam die Installation Nexus `96 auf: das Jugendzimmer eines Gabbers zur Jahrtausendwende. Die jetzt erwachsene Dorfjugend fühlt sich beim Betreten in ihre Vergangenheit versetzt, für alle Außenstehenden ist es eine Reise in eine unbekannte Welt.


      In dem Moment stelle ich fest, dass nach den Wochen der Planung und Recherche nun eine große Gruppenausstellung steht und durchs Gemäuer wummert. Und die Besucher strömen herbei, aus den Nachbarorten und auch aus Amsterdam und Berlin.

      Doch ich spüre, dass der Höhepunkt noch vor uns liegt.


      Die von der Künstlerin Ekaterina Burlyga organisierten Gabber Street Parade durch die Gabber Nation ist der Auftakt für unsere Nacht. Mit mehreren Autos, Gabberbeats und unserer Flagge ziehen wir die Hauptstraße entlang.

      Im Garten vereinen sich local Gabbers, die übernächtigten Künstler und das angereiste internationale Kunstpublikum bei 180 bpm auf dem Dancefloor. Gabber Syndrome & friends zerlegen die friedliche Stille des lauen Sommerabends in ihre Einzelteile. Die Nachbarn halten durch.


      Weiter geht die Party in Bastians Bunker-Installation. Völlig erschöpft und glücklich tanze ich mit Daria auf einem Quadratmeter im Stroboskop-Flackern. Sie lächelt mich an, streckt mir ihre gespaltene Zunge entgegen. Ich schreie ihr ins Ohr: „I came here to this bizarre place looking for gabber, for the core of it all..."—„And you know what—we are in it right now."

      Henrike ist Künstlerin und lebt in Berlin. Eine Übersicht über ihre Arbeiten und Ausstellungen findest du auf ihrer Webseite.

      Boris' Arbeiten findest du auch auf seiner Webseite.

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