Quantcast
Wie “Plus1” die Gästeliste zu einem Ort der Solidarität gemacht hat

So sehr du auch diejenigen verfluchen magst, die immer “Liste haben”: Mit ihrer Hilfe konnte dieses Jahr eine Menge Geld für Geflüchtete gesammelt werden.

Anstehen vor einem Club in München. Archivfoto von imago

Einer der nervigsten Teile einer Clubnacht ist das Anstehen, besonders zu dieser kalten Jahreszeit. Möglicherweise hast du dich schon dabei ertappt, wie du verächtlich oder zumindest neidisch auf diejenigen Leute geguckt hast, die einfach an der Schlange vorbeigehen dürfen, weil sie auf der Gästeliste stehen. "Diese elitären Typen! Ich muss mir hier den Arsch abfrieren! Und die? Müssen nicht anstehen und zahlen nicht mal was!" Dein Missmut wird sich vielleicht in Wohlgefallen auflösen, wenn wir dir sagen: Viele Gästelisteninhaber, zumindest in Berlin, haben doch was gezahlt: Mit ihrer Unterstützung konnten im vergangenen Jahr 125.000 Euro für Geflüchtete gesammelt werden.

Wie geht das? "Plus1" heißt das Prinzip der gleichnamigen Kampagne: Wer auf der Gästeliste steht, gibt einen Euro in eine Spendendose. Dahinter stecken mehre Menschen aus dem Berliner Club- und Musikbetrieb. Das gesammelte Geld geht dann ohne weitere Abzüge direkt an Hilfsorganisationen, die solidarische Flüchtlingsarbeit betreiben. "Unsere Aufgabe ist es, Spenden für diejenigen zu sammeln, die nicht auf der Gästeliste der EU stehen", so fasste es Stephan Rombach kürzlich anlässlich der Verleihung des Impala-Awards an Plus1 zusammen.

Rombach ist einer von zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kampagne. Gleiches gilt für Katrin Hall. Sie hat die Initiative vor etwas mehr als einem Jahr mitgegründet und beobachtet jetzt, wie die Idee außerhalb Berlins und Deutschlands bereits erste Nachahmer findet. THUMP sprach mit ihr über die Erfahrungen im ersten Jahr, die Solidarität in der Clubszene und die Pläne für 2017.

THUMP: Katrin, vor etwas mehr als einem Jahr habt ihr Plus1 ins Leben gerufen. Wie ist es euch im ersten Jahr ergangen? Wurden eure Erwartungen erfüllt?
Katrin Hall: Es ist sehr gut gelaufen. Ich habe schon gehofft, dass wir im ersten Jahr 100.000 Euro zusammenbekommen. Dass wir aber zusammen 125.000 Euro gesammelt haben, ist viel mehr, als wir erwartet hatten. Das liegt vor allem daran, dass so viele sofort begeistert mitgezogen sind. Clubs wie der Tresor haben sogar freiwillig gesagt, dass jeder an der Gästeliste nicht nur einen, sondern zwei Euro zahlen soll. Die Clubs, Konzertveranstalter und Festivals sind das Wichtigste bei der ganzen Sache, ohne die würde nichts laufen.

Wir wollen nicht nur humanitäre Arbeit vor Ort unterstützen, sondern uns auch klar dagegen positionieren, dass Menschen auf ihrer Flucht nach Europa ertrinken, weil es keine legalen Fluchtrouten gibt.

An welche Organisationen wurde das gesammelte Geld gegeben?
Unser Konzept funktioniert so, dass wir halbjährlich die Initiativen wechseln, an die wir das Geld weitergeben. Generell unterstützen wir dabei jeweils drei Arten von gemeinnützigen Organisationen, die Flüchtlinge auf unterschiedliche Art unterstützen.

Erstens, Anwohner-Initiativen wie zum Beispiel "Moabit hilft". Als wir mit Plus1 angefangen haben, gab es am LaGeSo in Moabit teilweise nicht einmal genug Trinkwasser. Es war unfassbar, wie der Berliner Senat da versagt hat.

Zweitens wollen wir immer eine Initiative fördern, die politisch arbeitet und am besten auch langfristig Strukturen schafft. Da haben wir im ersten halben Jahr den Flüchtlingsrat in Berlin unterstützt, der bereits seit 20 Jahren Geflüchtete in Berlin politisch unterstützt und auch vertritt. In der zweiten Runde spendeten wir hier an "Women in Exile", die sich mit der Diskriminierung von Frauen in den Flüchtlingslagern beschäftigen. Die haben zum Beispiel eine Reise zu verschiedenen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland gemacht, und geflüchtete Frauen über Ihre Rechte beraten.

Drittens unterstützen wir auch immer eine Organisation der zivilen Seenotrettung, weil wir auch die EU-Außengrenzen an sich zum Thema machen wollen. Wir wollen nicht nur humanitäre Arbeit vor Ort unterstützen, sondern uns auch klar dagegen positionieren, dass Menschen auf ihrer Flucht nach Europa ertrinken, weil es keine legalen Fluchtrouten gibt. Das wollen wir thematisieren. Aktuell ist die Situation im Mittelmeer sehr schlimm. An die täglichen Bilder und Meldungen über Todeszahlen wollen wir uns nicht gewöhnen. Die Nachrichten rauschen so durch, das ist unfassbar.

An der Grenzpolitik im Mittelmeer hat sich dennoch nichts geändert.
Leider ja. Das einzige, was sich geändert hat, ist die klimatische Lage, mit der die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer auch nicht einfacher wird. Die meisten zivilen Seenotrettungsschiffe in der Region sind außerdem nicht besonders groß. Aktuell kann nur ein Schiff dort über den Winter wirklich aktiv sein. Alle anderen müssen in die Werften und gewartet beziehungsweise repariert werden. Es gibt dort einen unfassbaren Geldbedarf und zu wenig Personal. Deshalb unterstützen wir in dieser Jahreszeit die Seenotrettung ganz besonders. Das gesamte Geld, das wir diesen Winter sammeln, geht deshalb an SOS MEDITERRANEE, Sea-Watch, Jugend Rettet e.V., CADUS - Redefine Global Solidarity.

Das Geld ist aber nur die eine, praktische Seite. Es geht uns auch darum, ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen, und das den Clubbesuchern in Erinnerung zu rufen.

Wurde euch schon vorgeworfen, den Clubbesuchern mit euren Spendenboxen die Laune zu verderben?
Am Anfang haben wir uns schon gefragt, ob wir das damit bewirken. Doch so war es dann gar nicht. Die Leute sind froh, dass sie auf eine so einfache Weise einen kleinen Teil dazu beitragen können.

Es geht uns darum, ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen, und das den Clubbesuchern in Erinnerung zu rufen.

Gibt es von Besuchern auch negative Reaktionen wie: "Ich will nichts zahlen, schließlich stehe ich auf der Gästeliste"?
Die gibt es immer wieder. Da überlassen wir es dann allerdings den Clubs, wie sie damit umgehen.

Man muss sich dabei wahrscheinlich bewusst machen, dass auch in Clubs mal Leute dabei sind, die Flüchtlingshilfe nicht so gut finden.
Ja, leider. Trotzdem denke ich, dass die Clubkultur grundsätzlich eher fortschrittlich und mit viel Solidarität verbunden ist. In Berlin merkt man das momentan. Viele Leute tragen dazu bei, dass die Situation verbessert wird.

Gab es von den Clubs negative Reaktionen?
Nein. Es gibt Clubs, die "nur" temporär mitmachen, weil sie andere dauerhafte Projekte fördern. Manche Clubs kriegen es aber einfach auch nicht hin. Aus welchen Gründen auch immer. Du musst schon eine gute Tür haben, die bei jedem Gast auf die Box hinweist und erklärt, worum es geht.

Wie sieht es mit Plus1 außerhalb von Berlin aus?
Wir haben die Dose auch Musikern mit auf Tour gegeben, zum Beispiel Moderat. Die waren in ganz Europa unterwegs, auch in Polen und in den skandinavischen Ländern.

Wir hatten auch Kontakt mit Clubs in München und Köln, aber letzten Endes wurde das Prinzip dort bisher nicht umgesetzt. In Berlin sind wir privilegierter, weil es so viele Clubs gibt. Und da gibt es dann sehr viele Leute, die auf der Gästeliste stehen. In London und Montreal wurden nach der Plus1 Idee Projekte gegründet, die wir bei der Gründung beraten haben. Die heißen Support Act und the In-project. Generell wollen wir aber kein Plus1-Franchising, das wäre zu aufwendig für uns. Wir freuen uns jedoch, wenn die Initiative nachgeahmt wird und beraten auch gerne dabei.

Wir wünschen uns, dass die Politik ihre Aufgaben erfüllt, so, wie es vorgesehen ist.

Ihr wurdet für eure Arbeit gerade auch mit dem Impala Award ausgezeichnet.
Das hat uns natürlich gefreut. Eigentlich ist das ein Award, der nach Verkaufszahlen geht. Quasi die Goldene Schallplatte im Indie-Bereich. Ab 50.000 verkauften Exemplaren kriegst du den Award. Es gibt außerdem die Kategorie "Outstanding Contribution", da werden normalerweise Schwergewichte aus dem Musikgeschäft ausgezeichnet. Dass die Jury uns gewählt hat, ist daher unglaublich toll und motiviert uns, weiterzumachen.

Wie geht es 2017 weiter?
So wie bisher. Wir machen so lange weiter, bis sich die Situation ändert. Und dann gehen wir nur noch feiern.

Wünscht ihr euch Unterstützung aus der Politik?
Wir wünschen uns, dass die Politik ihre Aufgaben erfüllt, so, wie es vorgesehen ist. Ehrenamtlich kann das dauerhaft nicht bewältigt werden.

Folge THUMP auf Facebook und Instagram.