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Burnout

Like a Rolling Bro: Warum Avicii der Bob Dylan dieser Generation ist

Die Nachricht von Aviciis Ruhestand fühlt sich an wie das Ende einer Ära, die Frage ist nur: welche Ära und was kommt danach?

Drew Millard

Drew Millard

„The music he's created over the years, I don't really listen to it, but the fact that he's making it, I respect that." — Hansel, Zoolander

Als Produzent und DJ, der aussieht wie ein sexy, stupsnasiger, schwedischer Roboter mit einer besonderen Gabe für das Kombinieren von explosiven Drops und gigantischen Pop-Hooks ist Avicii in den letzten Jahren zum Avatar der internationale EDM-Blase geworden. Der 26 Jahre alte Tim Bergling hat jetzt aber genug vom Superstartum und dem nicht ganz unerheblichen Mist, der damit einhergeht: Am 29. März gab er in einer langen Mitteilung seinen Abschied bekannt. Auch wenn in dem Post nicht explizit zu lesen war, warum er sich zu diesem Schritt entschlossen hat, wird vermutet, dass gesundheitlichen Probleme im Zusammenhang mit übermäßigen Alkoholkonsum der eigentliche Grund für diese Entscheidung sind. Diese hatten in der Vergangenheit schon öfter für Schlagzeilen und Absagen gesorgt. Die Nachricht von Aviciis Ruhestand fühlt sich an wie das Ende einer Ära, die Frage ist nur: welche Ära und was kommt danach?

Seinen Künstlernamen hat Bergling von Avīci, der tiefsten Ebene der buddhistischen Hölle, und anscheinend war Avicii die letzten Jahre selbst in der Avīci seines eigenen Schaffens gefangen. Als EDM-Superstar sind viele andere Menschen von deiner Fähigkeit abhängig, fröhlich durch die Zeitzonen zu springen und unzählige Feierwütige mit ihrer Dosis Untz-Untz zu versorgen. Bald schon fühlt sich das immer weniger wie eine endlose Tournee an und immer mehr wie ein Gewaltmarsch.

Avicii und EDM verband dabei irgendwie immer so etwas wie eine symbiotische Beziehung—beide wuchsen in den 00er Jahren heran und explodierten in den 2010ern. Der zunehmende Ruf des Genres als das neue heiße Ding des Pop steigerte auch das Interesse an seinem größten Star. Gleichzeitig half Aviciis Gespür für eingängige Popmelodien dabei, mehr und mehr Fans anzulocken.

In gewisser Weise ist Avicii so etwas wie der Bob Dylan des EDM—eine wandlungsfähige Figur, die einer aufstrebenden Bewegung Glaubwürdigkeit verlieh, nur um irgendwann zu merken, dass die ganze Angelegenheit eigentlich ein großer Haufen Bullshit war, und sich dann daraus wieder zurückzuziehen. Tracks wie „Silhouettes" mit Texten wie: „We will never go back to old school", und: „We are the future and we're here to stay", transportieren die gleiche Scheiß-auf-die-Alten-Perspektive, die seinerzeit schon der junge Dylan verkörperte, als er in „The Times They Are A-Changin'" sang: „Your sons and your daughters / Are beyond your command."

Avicii & Bob Dylan—beide provozierten ihre Szenen

Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Künstlern reichen sogar noch weiter: Die Beatles sind durch Dylan auf den Geschmack von Gras gekommen; Mike Posner nahm „a pill in Ibiza to show Avicii I was cool." Dylan hat ganz offen Journalisten verarscht, die ihn nicht verstanden haben. Avicii wiederum teilte 2013 ein paar Informationen zu viel mit Jessica Pressler von GQ —er plauderte offen über sein Alkoholproblem und wie das, was er auf der Bühne tut, „technisch nicht so schwer" ist—, nur um danach einen angepissten Facebook-Post zu schreiben, in dem er behauptete, falsch zitiert worden zu sein.

Als Avicii 2013 Raver beim Ultra mit Country und einer Liveband überraschte, kommt wahrscheinlich so nah wie kaum etwas Anderes an Dylan heran, der 1965 einer Horde angepisster Folk-Fans in der Royal Albert Hall gegenüberstand und seiner Band während „Like a Rolling Stone" zurief „PLAY FUCKING LOUD!" Das folkige „Wake Me Up" und Aviciis 2013er Countrypop-Debüt True können durchaus als Affront gegen das EDM-Establishment verstanden werden, das ihn großgemacht hatte; oder als ein geschicktes Ausweichmanöver—ein Hintertürchen, welches der karrierebewusste Künstler benutzen könnte, sollte EDM jemals implodieren. Statt auf dem Coachella würde er dann halt einfach auf dem Stagecoach spielen. Vielleicht hatte Dylan einst ganz ähnlich gespürt, dass es mit dem Folk langsam vorbei war, und deswegen seine Gitarre an den Verstärker angeschlossen. Wenn das der Fall gewesen sein sollte, dann hatte er zumindest so viel Anstand, seine wahren Beweggründe zu verheimlichen, und sich wie ein absolutes Arschloch bezüglich seines stilistischen Wechsels zu verhalten.

Die Parallelen zwischen Dylan und Avicii sind umso frappierender, wenn man ihre späten Absturz-Phasen miteinander vergleicht. 1966, auf der Spitze seines Ruhms, hatte Dylan einen Motorradunfall erlitten und sich dabei fast das Genick gebrochen. Daraufhin sagte er alle Touraktivitäten ab und zog sich nach Upstate New York zurück, um Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern zu verbringen. Erst 1973 sollte er wieder richtig auf Tour gehen. Im Laufe der Zeit haben Dylan-Experten die wirklich Schwere des Motorradunfalls angezweifelt und damit angedeutet, dass Dylan wahrscheinlich einfach mehr vom Touren, Schreiben, Filmemachen und Studiosessions ausgelaugt war. Er hatte mit Amphetaminen angefangen, nur um bei seinem eigenen Zeitplan mithalten zu können. Die Nebenwirkungen zollten ihren Tribut: Bilder aus dieser Zeit ausgemergelten Speed-Freak mit einem unheimlich stechenden Blick und viel zu kleinen Hosen. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass Dylan, hätte er nicht sein Motorrad zu Schrott gefahren, eine schweren erschöpfungs- und drogeninduzierten Burnout erlitten hätte.

Avicii hat vielleicht keinen Motorradunfall gehabt, aber auch er hat sich dazu entschieden, aufzuhören solange er noch kann—oder zumindest der Großteil seiner überlebenswichtigen Organe noch intakt ist. Die Nachricht, dass er sich aus dem Tourleben zurückzieht, lässt sich auch als das Runterkommen von einer Millionen Vodka-Red Bull, Jahren voller Shows und Flugzeugnickerchen, Festivals, Studiosessions, Fotoshoots und Afterpartys—und noch mehr Nickerchen in noch mehr Flugzeugen auf dem Weg zu noch mehr Shows—lesen. 2012 wurde er mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert—der Auslöser war Alkoholmissbrauch. Im März 2014 hatten ihm das ständige Feiern und Touren dann einen Blinddarmdurchbruch und derartig schwerwiegende Komplikationen mit der Gallenblase bereitet, dass das Organ entfernt werden musste.

Im September des gleichen Jahres hatte Avicii alle Konzerte abgesagt und Billboard später gebeichtet, dass er aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes zwar mit dem Trinken aufgehört habe, sein Arbeitspensum aber gleichgeblieben sei. Seine Auszeit sollte ihm eigentlich die nötige Erholung sichern—es kursierten sogar Gerüchte über einen Reha-Aufenthalt—, aber es bleibt unklar, ob Avicii es wirklich schaffte, seinen Gesundheitszustand zu verbessern. Schau dir nur dieses Bild von ihm von Anfang dieses Jahres mit Mike Posner an. Schau es dir richtig an und du siehst einen Mann, der das Gewicht des meistgehassten Genres auf seinen Schultern trägt. Du kennst doch das Sprichwort: Schwer ist der Kopf, der die umgedrehte Snapback trägt, um die viel zu früh ausufernden Geheimratsecken zu verstecken.

Wir werden Avicii und Dylan dennoch nie gleich wahrnehmen

Es gibt aber auch einige wichtige Unterschiede zwischen Dylan und Avicii. Dylan gilt, weil seinem Werk gemeinhin künstlerischer Tiefgang zugesprochen wird, als einer der am meisten respektierten Musiker unserer Zeit. Avicii auf der anderen Seite wurde zu einem der größten EDM-Stars, weil er die Fähigkeit hat, das perfekte Rädchen in der ökonomischen Maschinerie zu sein—er war die leere Leinwand, auf die die 6,9 Milliarden Dollar-Industrie ihre Hoffnungen, Träume, Ängste und Vierteljahresberichte projizieren konnte.

„Ich bin immer schon Mainstream gewesen", sagte er in dem umstrittenen GQ-Artikel 2013. Und das kann man wohl sagen. Im Laufe seiner Karriere war Avicii so schamlos kommerziell, dass es fast an eine Sellout-Parodie grenzte. Klar, er hat ein paar wirklich große Hits geschrieben, von denen ein paar sogar ganz gut waren, aber in der Avicii-Maschine war so etwas immer zweitrangig gewesen.

Avicii ist das platonische Ideal des Post-Musik-Musikers, des Künstlers als Marke. Er trieb das so weit, dass er während des Ultra 2014 ein komplettes Hotel mit seinem Namen brandete, nur um seine Auftritte dort und auf dem Festival in letzter Minute abzusagen—er musst nämlich in die Notaufnahme eingeliefert werden, was dann wiederum in der Entfernung seiner Gallenblase mündete.

Wie viele andere Musiker der Post-Musik-Ära (ja, ich habe den Begriff gerade in die Welt gesetzt) sind auch Aviciis Songs unfassbar populär—„Wake Me Up" wurde allein auf Spotify über 400 Millionen Mal gestreamt—, im Endeffekt erfüllen sie aber den Zweck von Werbematerial, die das Interesse für seine Live-Shows erwecken sollen. Diese brachten ihm zusammen mit einigen Sponsorenverträgen nach Schätzungen von Billboard 2014 24 Millionen US-Dollar ein. Womit sich dann wohl auch sagen lässt, dass Musik nie der Hauptanreiz der ganzen Avicii-Live-Experience gewesen ist. Ja, verdammt, selbst Tim Bergling ist noch nicht mal der zentrale Anreiz der Avicii-Live-Experience gewesen. Stattdessen gab die Avicii-Live-Experience den Fans stattdessen die Möglichkeit, sich mit der Marke „Avicii" zu verknüpfen, deren Ideale—Fun!, eine positive Einstellung und hedonistische „Rebellion"—fast perfekt im Einklang mit den Werten des Mainstream-EDMs lagen. Das Publikum rannte in Scharen zu Avicii-Shows, weil sie so gerne die Rolle des „Ravers" spielen wollten—mindesten genau so gerne, wie sie ihn „Levels" spielen sehen wollten.

Aviciis Abschied bedeutet eine ökonomische Depression

Wenn Avicii dann am 27. August seine allerletzte Show beim Creamfields Festival gespielt haben wird, bricht einer ganzen Menge Menschen ihre Haupteinnahmequelle weg—dazu gehören Booker, Presseleute, Manager, Roadies, Stylisten und Leute, die hauptberuflich Drogen an der Flughafensicherheit vorbeischmuggeln. Für diese ganzen Menschen wird das unglaublich beschissen sein. Wenn es doch nur einen Weg geben würde, die Marke Avicii weiter fröhlich am Laufen zu halten, während man gleichzeitig dem armen, ausgezehrten Tim Bergling seine wohlverdiente Ruhe lässt. Ich mache hier natürlich nur Spaß, allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass jemand anderes—vielleicht sein Manager, Ash Pournouri, der im Hintergrund die Fäden zu ziehen scheint—bereits den gleichen Gedanken hatte und dabei überhaupt nicht zum Spaßen aufgelegt war.

Der Avicii-Store während der Miami Music Week, 2014 | Foto: Michelle Lhooq

Stell dir nur mal vor, dass EDM-Superstar-DJs eines Tages so wie Päpste sein werden: ein nie abreißen wollender Strohm weißer Männer, die einander ersetzen, sobald einer seine Rolle nicht mehr erfüllen kann. Die Idee, dass man einfach irgendeinen Trottel auf die Bühne schubsen und behaupten kann, dass er kein individueller Performer, sondern die Verkörperung einer Musik-Marke ist—und dementsprechend austauschbar—ist eine, mit der KISS und Andrew W.K. bereits öffentlich gespielt haben. Und diese Ideen wurde bereits von Phänomene wie dem legendären Tupac-Hologramm beim Coachella 2012 und dem virtuellen Superstar Hatsune Miku auf eine ganz neue Ebene gehoben.

Sie beide bewiesen, dass es überhaupt keinen physischen Körper braucht, um Künstler zu sein. Dieses Konzept scheint einzigartig gut zu EDM zu passen—einem Genre dessen Stars regelmäßig die Songs anderer Menschen spielen und gerne die Dienste von Ghost-Producern in Anspruch nehmen. Wenn Hollywood alle paar Jahre Remakes und Sequels alter Filme und Franchises mit neuen Schauspielern und neuen Konzepten in die Welt setzt, warum können wir das gleiche nicht mit DJs machen? Denk doch nur mal an die ganzen lustigen Namen, die wir unseren neuen DJ-Sequels geben können: Deadmau6, Tiestwo, SkrilleXI, Steve 4oki, Thriplo.

Jetzt, da er so lange Zeit „Avicii" gewesen ist, ist es vielleicht für Tim Bergling an der Zeit, innezuhalten und zu schauen, wer er wirklich ist. Auch Dylan hat es erst nach seinem Rückzug 1966 geschafft, solche Alben wie The Basement Tapes und Nashville Skyline aufzunehmen. Vielleicht wird ein Post-Avicii-Bergling wie Dylan von Sound zu Sound springen—in ständiger Metamorphose, ohne sich darüber sorgen zu müssen, seinen Werken diese Unmittelbarkeit zu verpassen, die es für das Live-Setting zweifelsohne braucht. Vielleicht nimmt er sich auch Scott Walker zum Vorbild und verabschiedet sich von einer soliden Popkarriere, um sich in experimentelleren Gefilden auszutoben. Vielleicht findet er aber doch, dass eine kleine Pause eigentlich reicht, geht wieder auf Tour und haut bis an sein Lebensende zuckersüße Pop-Singles raus.

Oder aber er stellt fest, dass er von Musik eigentlich die Schnauze voll hat, und wird Designer bei Ikea oder so was. Mit 26 hat Bergling noch eine unglaublich lange Karriere vor sich. Er braucht einfach etwas Zeit, um herauszufinden, wohin sie ihn am Ende führen soll, anstatt in einer festzuhängen, die ihn langsam aber sicher ins Grab bringt.

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